Politik
INTERVIEW - Die Regierung will Nacktscanner und Vorratsdatenspeicherung. Der Chaos Computer Club hält nichts davon

Nüchtern gegen den Datenrausch

REUTLINGEN. Sicherheit geht vor. Deshalb will die Bundesregierung immer mehr Daten sammeln und speichern, um Kriminelle zu fassen - vor allem aber Terroristen, bevor diese ihren todbringenden Auftrag ausführen. Nacktscanner, Vorratsdatenspeicherung, Stoppschilder gegen Kinderpornos - bringt uns das tatsächlich mehr Sicherheit? Computerfreaks, die wissen, wie man Sperren umgeht und wie man sich in fremde Rechner einloggt, meinen »nein«. Constanze Kurz ist Sprecherin beim Chaos Computer Club. Mit ihr hat sich GEA-Redakteurin Bettina Jehne unterhalten.

GEA: Frau Kurz, wenn Sie's drauf anlegen würden: Was könnten Sie über mich jenseits des Erlaubten herauskriegen?

Constanze Kurz: Zum Beispiel Ihre geheimen Telefonnummern, Mobil oder Festnetz. Über Sie als Konsumentin kursieren im Netz viele Daten. Jeder, der etwas Geld investiert, kann diese kaufen - es gibt ganze Branchen, »Privatschnüffler«, die so was sammeln und anbieten.

Chaos Computer Club: Darunter stellt man sich gerne Hacker vor, deren Ehrgeiz es ist, sich ins Weiße Haus einzuloggen. Mythos oder Wahrheit?

Kurz: Das sind überkommene Bilder. Wir sehen uns als Leute, die gern kreativ mit Rechnern umgehen und deren Grenzen suchen. Natürlich wollen wir auch Sicherheitslücken herausfinden, um diese publik zu machen, damit sie abgestellt werden. Die Typen, die Sie soeben beschrieben haben, nennen wir »Cracker«. Die versuchen, mit ihren Fähigkeiten Geld zu verdienen. Dafür übertreten sie meistens auch Gesetze.

Ihr Club galt einst als kleiner Verein mit ein paar Computer-Spinnern. Heute wird er als anerkannte Lobby-Organisation beschrieben, die gegen Zensur und Datensammelwut kämpft.

Kurz: In der Tat werden wir heute anders wahrgenommen - das hat mit der wachsenden Bedeutung der Informationstechnologien und Rechnernetze zu tun. Deshalb sind wir auch mehr gefragt als früher: Wir geben Stellungnahmen beim Verfassungsgericht ab, wir machen aktive Politikberatung. Aber im Grunde haben wir uns von Anfang an mit den sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen der neuen Technik befasst.

Ihr Club macht sich viele Gedanken um Datensicherheit. Hand aufs Herz: Knacken Sie nie Rechner, um zu beweisen, wie leicht man an Daten rankommt?

Kurz: In der Regel werden Sicherheitslücken an uns herangetragen. Leute bitten uns: »Guckt euch dieses oder jenes mal an, das ist nicht ganz sauber.« Und dann veröffentlichen wir das auch, wenn wir was finden. Aber natürlich untersuchen wir auch von uns aus neue Techniken - Beispiel: biometrischer Reisepass.

Die frühere Familienministerin Ursula von der Leyen hat Stoppschilder durchgedrückt, die den Zugriff auf Kinderporno-Seiten verhindern sollen. Warum ist Ihr Club dagegen?

Kurz: Jeder, der sich mit Netzen auskennt, weiß, dass man zwar Stoppschilder installieren kann - die Filme und Bilder bleiben aber trotzdem im Netz. Täter, die so was konsumieren, haben überhaupt kein Problem, diese weiterhin zu finden. Die Stoppschilder können mit wenigen Handgriffen umgangen werden.

Geht es auch darum, die unbegrenzte Freiheit des Netzes zu wahren?

Kurz: Natürlich muss man sich fragen: Wer bestimmt eigentlich, was gesperrt wird, und unter welchen Voraussetzungen? Das sind juristische Fragen, die zuerst einmal beantwortet werden müssten. Denn in Deutschland soll das Bundeskriminalamt bestimmen, was wir sehen dürfen im Netz und was nicht. Doch wer kontrolliert das Bundeskriminalamt?

Über Grenzen der Kontrolle kann man gerne diskutieren. Aber bei Kinderpornografie doch nicht!

Kurz: Sicher, das sehen wir auch so. Deshalb fordern wir ja, dass diese Videos und Bilder »ganz« aus dem Netz verschwinden müssen. Aber im Wege des Löschens, und nicht mithilfe eines albernen Stoppschildes, das nichts hilft.

Warum werden solche Bilder eigentlich nicht gelöscht?

Kurz: Die Netzsperrendebatte kam mitten im Wahlkampf auf. Und Wahlkampf-Polemik hat mit inhaltlich sinnvoller Gesetzgebung oft nur am Rande zu tun. Das Problem ist doch: Hinter jedem derartigen Video stecken ein Täter und ein widerwärtiges Verbrechen. Gegen die Täter vorzugehen, das ist eine wesentlich aufwendigere Arbeit, die Personal und technische Ausstattung kostet und im Übrigen langfristige Präventivarbeit ohne schnelle Erfolge ist.

Könnte Ihr Verein nicht helfen, diese Porno-Filme zu löschen?

Kurz: Das haben wir sogar! Wir haben diejenigen, die einen Server physisch warten, auf dem »Kunden« solche Sauereien ablegen, E-Mails geschrieben. Unsere Erfahrung und die anderer Netz-Aktivisten ist, dass die Bilder dann binnen weniger Stunden aus dem Netz sind! Denn solche Bilder sind auf der ganzen Welt strafbar. Da fragen wir uns natürlich: Wieso kann das das Bundeskriminalamt nicht? Zumal diese Filme und Bilder fast immer auf Servern in der Ersten Welt liegen, in den USA, in Kanada, Dänemark und Holland.

Schon bald wird das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zum Thema Vorratsdatenspeicherung erwartet - also zur vorsorglichen Speicherung sämtlicher Telefonate und E-Mails für ein halbes Jahr. Sie halten diese Datensammlung für Unsinn.

Kurz: Wir wünschen uns, dass die Erhebung der Daten verboten wird. Unsere Befürchtung ist zum einen, dass bei dieser großen und wertvollen Datensammlung Missbrauch nicht ausbleiben wird. Das habe ich auch als Sachverständige vor den Richtern in Karlsruhe so vorgetragen. Zum anderen greift diese Datensammlung massiv in die informationelle Selbstbestimmung ein. Wer es darauf anlegt, kann aus den Kommunikationsdaten zusammen mit den Standortdaten, die beim Mobiltelefon anfallen, relativ einfach soziale Profile bilden oder erkennen, wie eng soziale Bindungen sind. Wir verurteilen, wenn ohne einen einzigen Verdacht von der gesamten Bevölkerung Daten gespeichert werden. Vom Gericht ist nicht umsonst die Frage aufgeworfen worden, wo die Grenzen liegen.

Bringt uns die Vorratsdatenspeicherung wenigstens mehr Sicherheit?

Kurz: Auch hier gilt wieder: Wer sich mit Technik auskennt oder sich jemanden »kauft«, der sich mit Technik auskennt, kann selbstverständlich verhindern, dass seine Daten gespeichert werden. Es gibt so viele Wege drum herum.

Was halten Sie von Nacktscannern?

Kurz: Die Geräte, die jetzt von einigen Herstellern als fast fertig angepriesen werden, sind noch nicht sehr erprobt. Da gibt es auch Fragen nach der Verträglichkeit im gesundheitlichen Sinne. Vor allem aber wird hier eine Schamgrenze überschritten. Kinder werden halb nackt dargestellt, Implantate, künstliche Darm-ausgänge, Brustersatz werden erkannt. Für uns ist das - wie bei der Vorratsdatenspeicherung - eine Frage der Verhältnismäßigkeit, ob sich wirklich jeder, der ein Flugzeug besteigen will, in seinen intimsten Details so darstellen muss.

Immerhin soll kein Sicherheitsbeamter, sondern der Computer die Nacktscanner-Daten auswerten.

Kurz: Da bin ich mal gespannt, was mit den Bildern etwa von Prominenten passiert, die man gegen viel Geld an Boulevardblätter verkaufen könnte! (GEA)

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