Politik
INTERVIEW - Ein Politiker zwischen gestern und morgen. Günther Oettinger kurz vor dem Abflug nach Brüssel

"Mehr Zeit für meinen Sohn"

STUTTGART. Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) legt kommende Woche sein Amt nieder und startet als Energiekommissar in Brüssel. Wie wird der Abschied sein, wie der Neubeginn? Und was ändert sich privat? Oettinger im Interview mit den GEA-Redakteuren Christoph Irion und Hans Jörg Conzelmann.

Ministerpräsident Günther Oettinger (56) gab sich in diesem GEA-Interview ungewöhnlich nahbar und sehr entspannt. FOTO: Markus Niethammer
Ministerpräsident Günther Oettinger (56) gab sich in diesem GEA-Interview ungewöhnlich nahbar und sehr entspannt. FOTO: Markus Niethammer
GEA: Herr Oettinger, nächsten Dienstag ist Ihr letzter Arbeitstag, was müssen Sie bis dahin noch erledigen?

Günther Oettinger: Ich eröffne an diesem Samstag die Messe »Intergastra«, bin dann bis Montag in Berlin. Abends wird mir die Ehrennarrenwürde der Alemannischen Fastnacht in Rust verliehen. Und an meinem letzten Arbeitstag bin ich zunächst in Straßburg zur Gesamtanhörung, um 13 Uhr ist die Wahl. Zurück in Stuttgart mache ich letzte Bürotermine und gebe mein Amt mit Ablauf des Dienstags ab, bleibe aber geschäftsführend im Amt, bis der neue Ministerpräsident am Mittwochmorgen gewählt ist.

Vor wenigen Tagen war Baubeginn für Stuttgart 21. Wie bewerten Sie diesen Vorgang in Ihrer Karriere?

Oettinger: Als ich vor fünf Jahren Ministerpräsident wurde, sagten mir alle sachkundigen Gesprächspartner in Berlin, die Wahrscheinlichkeit, dass ich es schaffe, sei gering. Jetzt ist das Projekt unumkehrbar. Auch Reutlingen und Tübingen, die ja zur Metropolregion Stuttgart gehören, haben große Vorteile: Sie bekommen einen neuen Bahnhof. In Zeiten, wo Bahnhöfe geschlossen werden, ist der Bau eines Europa-Bahnhofs grandios. Das wird man auch an den Immobilienwerten in der ganzen Region bemerken.

Beim Start für Stuttgart 21 wurden Sie von Gegnern als »Lügenpack« beschimpft. Berührt Sie das persönlich?

Oettinger: Mit einigen habe ich hinterher gesprochen. Und ich habe gesagt: Kritik äußern, das ist in Ordnung. Aber das Wort »Lügenpack« ist menschenverachtend. Diejenigen, die als intelligente Kritiker auftreten, sollten nicht jeden als Partner akzeptieren. Es gibt Kritiker, denen das Projekt technisch zu aufwendig ist, andere sagen, es sei zu teuer. Aber es gibt auch solche, die treten gegen die Marktwirtschaft und den Staat insgesamt an - diesen Leuten geht es nicht um die sachliche Auseinandersetzung.

»Ich hätte gerne noch den Albaufstieg der Autobahn durchgesetzt«


Sie haben in den vergangenen fünf Jahren als Ministerpräsident rund 5 200 Außentermine wahrgenommen. Mit den Bürobesprechungen sind es mehr als 10 000 dienstliche Termine. Kritiker sagen: Acht Termine, jeden Tag - das war einfach zu viel...

Oettinger: Manche sagen: »Mach weniger.« Dieselben Leute sagen: »Mach diesen Termin auf jeden Fall.« Lothar Späth hat die gleiche Termindichte gehabt. Dieses Land ist so groß, und man kann nicht alles am Schreibtisch mit einem Brief abhandeln. Wenn ich nicht regelmäßig in Mannheim, Karlsruhe, Reutlingen oder am Bodensee gewesen wäre, dann hätte ich viel weniger mitbekommen, was die Menschen wirklich bewegt. Wir haben neun Landes-Unis: Wenn ich in Tübingen bin, dann kann ich mit den Fragen und Gedanken der Lehrenden und Studierenden viel direkter umgehen, als wenn ich dazu nur einen Aktenvermerk auf dem Schreibtisch hätte. Ich würde es wieder so tun.

Was war Ihr größter Erfolg, was war Ihr größter Fehler?

Oettinger: Mein größter Fehler war der eine Satz bei der Trauerfeier für Hans Filbinger (die Red.: »Er war ein Gegner des NS-Regimes«). Als Erfolg sehe ich, dass Baden-Württemberg zwei Jahre lang ohne neue Schulden auskam. Und ich konnte maßgeblich daran mitwirken, dass wir diesen Kurs durch die Schuldenbremse im Grundgesetz verbindlich vorgegeben haben, für den Bund und für alle Länder für die nächsten zehn Jahre.

Welches Projekt hätten Sie gern noch auf den Weg gebracht?

Oettinger: Ich hätte gerne noch den Albaufstieg der Bundesautobahn A 8 durchgesetzt. Das ist die letzte wirklich noch ungeklärte wichtige Autobahntrasse im Land. Der Bund ist hier bislang nicht bereit, grünes Licht zu geben.

Haben Sie schon eine neue Wohnung in Brüssel?

Oettinger: Ich bin auf Wohnungssuche. Vorigen Mittwoch habe ich mit einer Brüsseler Vermittlungsagentur die Kriterien besprochen: Größe der Wohnung, die Nähe zur Kommission und zum Parlament und dergleichen. Am Donnerstag nächster Woche will ich zwei Stunden lang mit einer Mitarbeiterin der Agentur Wohnungen besichtigen.

Wie ändert sich das Leben für Ihre Lebensgefährtin Friederike Beyer?

Oettinger: Sie ist seit einem halben Jahr regelmäßig hier in Stuttgart und fliegt dann jede Woche für zwei Tage nach Hamburg, wo Sie ihr Unternehmen betreut. Künftig wird für sie Hamburg wieder zum Lebensmittelpunkt - und für zwei, drei Tage wird sie in Brüssel sein.

Wie oft werden Sie Ihren Sohn sehen?

Oettinger: Ich bekomme eine geordnetere Arbeitswoche. Heimattage und Ähnliches fallen weg. An den Wochenenden wohne ich weiter in Stuttgart auf der Solitude, und ich werde dann sogar mehr Zeit für meinen Sohn haben. An Ostern fahren wir für fünf Tage Skilaufen, im Februar für ein längeres Wochenende.

In Brüssel arbeiten Sie mit einem internationalen Team: eine junge Polin, eine Portugiesin, eine Italienerin, ein Franzose und drei Deutsche. In welcher Sprache unterhalten Sie sich?

Oettinger: Schriftliches erledigen wir auf Englisch. Die gemeinsamen Kabinettsitzungen sind ebenfalls in englischer Sprache. Wenn ich mit meinem Kabinettchef Dr. Köhler alleine arbeite, sprechen wir deutsch.

»Ich wollte als Student immer raus. Jetzt habe ich die wunderbare Chance«


Ihre Vorstellung vor dem Europaparlament hat Ihnen parteiübergreifend internationalen Beifall eingetragen. Wenig später kursierte ein wenig schmeichelhaftes Video im Internet, in dem es um Ihr gesprochenes Englisch geht. Wie gehen Sie damit um?

Oettinger: Ich habe in den vergangenen 40 Jahren nicht jeden Tag Englisch gebraucht. Bisher war es wichtig, dass ich mich mit Menschen unterhalten konnte, die Alemannisch, Kurpfälzisch, badische Mundarten oder breitschwäbisch sprechen. Kaum jemand, der je in Brüssel Kommissar wurde, hat am ersten Tag genauso gut Englisch gesprochen wie fünf Jahre später. Ich habe vor, in meinen freien Stunden, begleitet von einer Englischlehrerin, vor allem Fachbegriffe zu pauken, die ich im neuen Aufgabengebiet brauche.

Als Kommissar sind Sie für Ihren Bereich Energie zuständig, aber im Kollegium auch für gesamteuropäische Fragen. Welches sind die größten Herausforderungen für Europa?

Oettinger: Vordringlich ist aus meiner Sicht die Stabilisierung der Währung. Der Euro ist in Gefahr, instabil zu werden - siehe Griechenland, Irland oder bald womöglich Spanien, Portugal, Lettland und Italien. Zum Zweiten: Die industrielle und technologische Wettbewerbsfähigkeit der EU gegenüber anderen großen Wirtschaftsräumen ist nicht auf Dauer gesichert. Da müssen wir ran. Und dann natürlich das Thema Nachhaltigkeit, Klima, Energieeinsparung, Effizienzsteigerung und Versorgungssicherheit. Wir müssen diesen Kurs aus Überzeugung weiterverfolgen - trotz des Rückschlags von Kopenhagen.

Wenn Sie an die Landkreise Reutlingen und Tübingen denken, was fällt Ihnen als Erstes ein?

Oettinger: Beide Landkreise sind geprägt durch Wissenschaft, Hightech und Natur. Vom Schönbuch bis zum Biosphärengebiet gibt es Natur pur, dazwischen Bosch als Beispiel für ein Hightech-Unternehmen, die Wissenschaft an der Alma Mater Tubingensis und die Hochschule Reutlingen - Landkreise, die alles zu bieten haben.

Worauf freuen Sie sich am meisten?

Oettinger: Dass ich nochmals die Chance habe, mit meist jüngeren Leuten aus allen Kulturen Europas zu arbeiten. Ich wollte als Student immer ein paar Semester raus, habe das aber nie realisiert. Jetzt bin ich nicht nur beruflich im Ausland, sondern in ganz Europa unterwegs - das ist eine wunderbare Chance. (GEA)


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