Transplantationsrecht - Nach dem Skandal gibt es kaum noch Spender. Landesärztetag in Reutlingen sucht Auswege

Mangel an Organen und Vertrauen

VON BRIGITTE GISEL

REUTLINGEN/STUTTGART. Seit dem Transplantationsskandal im vergangenen Jahr sitzt das Misstrauen tief. Die Folgen des Organspendeskandals kennt Dr. Ulrich Clever als Präsident der Landesärztekammer aus Theorie und Praxis. Die Zahl der Organtransplantationen brachen ein, Organspenderausweise liegen wie Blei in den Arztpraxen. »Mindestens eine halbe Dekade«, wird es seiner Ansicht dauern, bis die Spenderzahlen wieder das Niveau vor den Mauscheleien von Regensburg, Leipzig, Göttingen und München erreichen werden.

Das Thema steht heute im Mittelpunkt des Landesärztetags in Reutlingen. »Organspende – Wie gewinnen wir das Vertrauen zurück« betitelt die Standesvertretung der rund 60 000 baden-württembergischen Ärzte ihre Jahrestagung. Angekündigt hat sich auch der Präsident der Bundesärztekammer Professor Frank-Ulrich Montgomery.

Seit Ärzte an vier Unikliniken Patientendaten manipulierten, um diesen schneller zu einem Organ zu verhelfen, sank die Zahl der Organspenden drastisch – von Januar bis Juni um über 18 Prozent auf 450 Spender. Auch wurden 12 Prozent weniger Organe übertragen. In Baden-Württemberg ist der Effekt allerdings weniger stark: Dort ging die Zahl der Organspenden nur um fünf Prozent auf 56 zurück. Dabei ist Baden-Württemberg traditionell eines der Bundesländer mit den wenigsten Organspendern. 11 Organspender pro einer Million Einwohner sind nur knapp halb so viel wie beim Spitzenreiter Hamburg (27,3). Nur Niedersachsen (10,1) und das Saarland (8,9) haben noch niedrigere Zahlen.

Heikle Gespräche

Die Unsicherheit in der Bevölkerung ist aus Clevers Sicht fatal. »Menschen in der Praxis auf den Ausweis anzusprechen, ist schwer geworden.« Genau das wäre aber nötig. Organtransplantationen werden zwar im Land nur an den fünf Transplantationszentren – darunter auch an der Uniklinik Tübingen – vorgenommen. Organspender kommen aber von überallher. Oder eben auch nicht.

Nur wenn es genug Ärzte gibt, die ihre Patienten davon überzeugen können, einen Organspenderausweis auszufüllen, steigen die Chancen, Organe transplantieren zu können. Derzeit stehen bei Eurotransplant rund 12 000 Menschen auf der Warteliste – transplantiert wurden im vergangenen Jahr in Deutschland etwas mehr als 1 900 Organe. Vor dem Skandal kamen Gespräche über Organspenden oft bei Beratungen zu Patientenverfügungen zustande, weiß Clever. Doch auch das ist seltener geworden. »Wir wollen deshalb Mut machen, diese Arbeit vorzustellen.«

Dass es ausgerechnet Ärzte waren, die auf diesem ohnehin heiklen Feld Vertrauen verspielt hatten, ist für Clever »mit das Allerschlimmste«. Doch die Ursachen liegen aus seiner Sicht tiefer. »Die Krankenhäuser werden in einem wahnsinnigen Wettbewerb gehalten.« Themen wie diese werden von Mitte August an auch in dem Prozess eine Rolle spielen, in dem sich der frühere Leiter der Transplantationsmedizin an der Uniklinik Göttingen verantworten muss, weil er Daten manipuliert hatte.

Transparenz und Offenheit nennt Clever als Grundvoraussetzungen, um Vertrauen zurückzugewinnen. Deshalb werden alle Transplantationszentren derzeit von einer Art Ermittlungsgruppe der Bundesärztekammer überprüft – in Baden-Württemberg bisher ohne Beanstandungen. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation, selbst durch Personalquerlen in Misskredit geraten, setzt auf ein nationales Transplantationsregister.

Politik reagiert

Auch die Politik hat reagiert. Seit der Novelle des Transplantationsrechts droht Ärzten Gefängnis, wenn sie Patientendaten manipulieren. Krankenkassen haben eine Info- und Werbekampagne, mit dem sie die Versicherten davon überzeugen wollten, Spenderausweise auszufüllen, nach den Vorfällen mit Verspätung gestartet.

In Baden-Württemberg hat die Landesregierung 200 000 Euro zur Verfügung gestellt, um Transplantationsbeauftragte auch in kleineren Kliniken besser zu schulen.

Diskutiert werden müssen aus Clevers Sicht auch die Kriterien für Organvergaben. Wer braucht ein Organ dringender? Der Schwerstkranke, der ohne Spende vielleicht nur noch zwei Monate zu leben hat oder ein anderer Patient, der zwei Jahre warten könnte – bei frühzeitiger Transplantation aber weitaus mehr Lebensjahre vor sich hätte als sein »Konkurrent«?

Für den Präsidenten der Landesärztekammer verbinden sich damit gesellschaftliche Debatten, die noch lange nicht abgeschlossen sind. (GEA)



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