Gesundheitswesen - Technikerkasse will Behandlungen in Zentren zu bündeln. Krankenhausverband protestiert

Kampfansage an kleine Kliniken

VON DAVOR CVRLJE

STUTTGART/REUTLINGEN. Die Krankenhäuser in Baden-Württemberg sind chronisch unterfinanziert. Jedes zweite Haus schrieb nach Angaben der baden-württembergischen Krankenhausgesellschaft im vergangenen Jahr rote Zahlen. Die Technikerkasse in Baden-Württemberg möchte diese Finanzmisere beenden und schlägt deshalb eine radikale Reform vor, die unter anderem die Schließung kleinerer Häuser auf dem Land vorsieht und zum Ziel hat, Behandlungen in größeren Zentren zu bündeln. »Die TK ist überzeugt, dass es in einer mobilen Gesellschaft weder nötig noch bezahlbar sein wird, das nächste Krankenhaus um die Ecke zu haben«, schreibt die Kasse in ihrem Thesenpapier, das dem GEA vorliegt. Kleine Krankenhäuser würden in Zukunft Probleme haben, Personal zu gewinnen, heißt es weiter. Wo immer möglich, müsse daher die Zusammenführung von Behandlungen in wenige, aber hoch leistungsfähige Zentren gefördert werden. »Für die Patienten bedeutet das: längere Wege, aber bessere Qualität«, schreibt die Kasse.

Reumann widerspricht

Ein weiterer Vorschlag ist, ein Expertengremium beim Sozialministerium einzurichten, das Kliniken hilft, die unverschuldet ins Defizit geraten sind. »Voraussetzung ist aber die vollständige Transparenz über die Ursachen.« Die Technikerkasse möchte mit ihren Thesen eine Debatte anstoßen, wie man die Zukunft der Krankenhausfinanzierung langfristig sichern kann.

Thomas Reumann, Reutlinger Landrat und Vorsitzender der baden-württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG), lehnt die von der Technikerkasse geforderte Zentralisierung ab: Eine starke Zusammenführung von Behandlungen in wenige Zentren hätte vor allem negative Folgen. »Denn wenn die planbaren Leistungen tatsächlich zentralisiert würden, müssten viele Krankenhäuser in ländlichen Regionen Abteilungen oder sogar ganz schließen, könnten dann aber auch keine Notfälle mehr versorgen«, sagt Reumann auf Anfrage des GEA. Auch die flächendeckende ambulante Versorgung der Menschen auf dem Land wäre dann in Gefahr, da die Krankenhäuser schon jetzt einen großen Teil der ambulanten Versorgung wahrnehmen, warnt er.

Ruf nach mehr Geld

Auch das von der Technikerkasse ins Spiel gebrachte Expertengremium stößt beim Krankenhausverband auf Ablehnung. Denn nach Auffassung von Thomas Reumann geraten die meisten Kliniken unverschuldet in Finanznot, weil sie vom Gesundheitssystem zu wenig Geld erhalten. Wenn die Leistungen eines Krankenhauses für die medizinische Versorgung der Menschen in der jeweiligen Region notwendig sei, aber aufgrund der Vorgaben im Finanzierungssystem nicht kostendeckend finanziert werde, müssen diese Leistungen auf anderem Wege finanziert werden. Hierfür sehe das Gesetz den Sicherstellungszuschlag vor.

»Tatsächlich wird dieser Sicherstellungszuschlag aber nur in den wenigsten Fällen gezahlt«, kritisiert Reumann in seinem Schreiben. Deshalb müsse das Instrument des Sicherstellungszuschlags gesetzlich gestärkt werden, lautet die Forderung der baden-württembergischen Krankenhausgesellschaft. Die Debatte ist eröffnet. (GEA)

Das gesamte Thesenpapier finden Sie unter www.gea.de/tkstandpunkte



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