Bahnprojekt

Immobilienbesitzer kämpft seit Jahren gegen Stuttgart 21

STUTTGART. Früher stieg Frank Schweizer auf Müllhaufen, heute steigt er der Deutschen Bahn aufs Dach. Die will nämlich unter seinem Haus einen Tunnel zum neuen Tiefbahnhof Stuttgart 21 bauen. Um das zu verhindern, gründete Schweizer das Netzwerk Kernerviertel.

Eine Baugrube vor dem Nordflügel des Hauptbahnhofes in Stuttgart (Baden-Württemberg), aufgenommen am 20.09.2012. An dieser Baustelle soll das neue unterirdische Technikgebäude im Rahmen des umstrittenen Bahnhofprojektes Stuttgart 21 entstehen. Trotz anhaltender Debatten über die Mehrkosten für das Milliardenprojekt Stuttgart 21 versichert die Bahn: Es wird in jedem Fall gebaut. FOTO: DPA
Eine Baugrube vor dem Nordflügel des Hauptbahnhofes in Stuttgart (Baden-Württemberg), aufgenommen am 20.09.2012. An dieser Baustelle soll das neue unterirdische Technikgebäude im Rahmen des umstrittenen Bahnhofprojektes Stuttgart 21 entstehen. Trotz anhaltender Debatten über die Mehrkosten für das Milliardenprojekt Stuttgart 21 versichert die Bahn: Es wird in jedem Fall gebaut. FOTO: DPA
Frank und Elisabeth Schweizer haben ihre Rechnung ohne das Bahnprojekt Stuttgart 21 gemacht. 1979 kauften sie ein Haus im Kernerviertel, um fürs Alter vorzusorgen. Vom Dach hatten sie einen tollen Blick auf den Stuttgarter Talkessel. Heute sehen sie vor allem eins: die Baustelle für den neuen Tiefbahnhof. In Zukunft sollen die Züge nicht nur vor, sondern auch unter dem Haus der Schweizers hindurchfahren.

Frank Schweizer ist 66 Jahre alt. Ein weißer Bart und weiße Haare umrahmen ein rundes Gesicht, aus dem die blauen Augen hervorblitzen, wenn er über die »Irrsinnigkeit« des Bahnprojektes spricht. »Oben bleiben« steht auf dem Anstecker an seinem schwarzen Jackett. Schweizer studierte Wasserwirtschaft und Städtebau und war als freiberuflicher Abfallwirtschaftsberater tätig. »Ich bin auf Müllhaufen gestiegen und habe in verschiedenen Ländern Abfallwirtschaftskonzepte entwickelt«, erklärt er.

Schweizer ist überzeugt davon, dass sich der Tiefbahnhof noch verhindern lässt. Schließlich habe er mit dem Denkmalverein schon den Abriss des Stuttgarter Metropol Kinos verhindert. Mit dem Verein setzte er sich anfangs auch für den Erhalt des von Paul Bonatz entworfenen Kopfbahnhofs ein. »Seit über 20 Jahren bin ich in diesem Widerstand, und keiner soll sagen, da hat sich niemand gerührt«, stellt Schweizer klar. Er habe von Anfang an vor dem Tiefbahnhof gewarnt. Im vergangenen Jahr schloss sich um seine Frau und ihn eine Gruppe von Engagierten aus dem Viertel zusammen, später gaben sie sich den Namen »Netzwerk Kernerviertel«.

Heute hat Schweizer etwa 200 Mitstreiter. Nicht alle sind gegen Stuttgart 21, aber alle möchten angemessen entschädigt werden, wenn die Bahn unter ihren Häusern einen Tunnel baut und dadurch möglicherweise ihr Besitz beschädigt wird. Sie möchten die Bahn dazu bringen, ein geotechnisches Gutachten über die möglichen Risiken des Tunnelbaus vorzulegen. Dafür schreiben Schweizer und seine Mitstreiter Briefe an Politiker und informieren Betroffene. »Ich bin ein Team-Spieler«, betont Schweizer. Es sei ihm wichtig, den Einsatz zum Erhalt des Kopfbahnhofes auf viele Schultern zu verteilen. Sein Freund Ulrich Hangleiter gründete das Tochternetzwerk Killesberg. Auch unter dem Hügel im Norden Stuttgarts sollen Häuser für den Tiefbahnhof untertunnelt werden.

»Ich hätte mich auch ohne die Immobilie gegen das Bahnprojekt eingesetzt«, weist Schweizer den Vorwurf von sich, aus reinem Eigennutz gegen Stuttgart 21 zu kämpfen. Dass er durch die Lage seines Hauses auch als unmittelbar Betroffener klagen kann, hält er für ein Privileg. Der Kauf des Hauses sei damals ein Glücksfall gewesen. »Jetzt trübt sich das Glück«, schimpft er. Das Haus wird durch die Untertunnelung vermutlich 15 bis 25 Prozent an Wert verlieren. Zusätzlich haben die Schweizers wie viele ihrer Nachbarn auch Angst vor anderen Langzeitwirkungen. Zum Beispiel bestätigten Gutachter, dass mit Vibrationen gerechnet werden müsse. Sie ließen die entsetzten Schweizers wissen: »Natürlich spüren Sie jeden Zug.« (dpa)

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