Internet - Experten diskutieren über Auswirkungen des Shitstorm in sozialen Netzwerken. »Es herrscht Krieg im Netz«

Im Zeichen des Sturms

VON MARC TOSENBERGER

STUTTGART. Das Internet vergisst nichts. Unter diesem Motto startete die Podiumsdiskussion: »Shitstorm – enden die Persönlichkeitsrechte vor dem Internet?«, die vom Anwaltsverband Baden-Württemberg initiiert wurde. Vier Fachleute kamen zu Wort, die dem Publikum, darunter auch Unternehmensberater und Datenschutzbeauftragte, Fragen zu Mobbing in sozialen Netzwerken beantworteten.


Der Krieg im Internet

Einig waren sich die Experten darin: Es ist nicht einfach, sich gegen eine Internetattacke zu wehren. Wer Opfer eines Angriffs wird, ist den Tätern meist schutzlos ausgeliefert. Das mediale Stimmengewitter aus Anfeindungen und Unterstellungen, das sich tausendfach in den Foren von Facebook und Twitter entladen kann, macht eine Gegenwehr sehr schwierig. Die Deutungshoheit über Wahrheit und Lüge, über Richtig und Falsch, übernimmt die anonyme Masse der Mobber. Die Sichtweise des Opfers wird kaum mehr wahrgenommen, seine Meinung ins Gegenteil verkehrt. Aus dieser Lage gilt es, sich zu befreien.

Für den Geschäftsführer der Janus Consulting GmbH Bernd Oliver Bühler war die Sache klar: Betroffene sollten rechtliche Schritte einleiten, wenn sie sich einem Angriff ausgesetzt sehen. Wichtig hierfür sei allerdings, dass die Vorwürfe gegen das Opfer eindeutig falsch sind. Ansonsten hätten Unterlassungsklagen keinen Erfolg. Es herrsche ein regelrechter Krieg im Internet, so Bühler. Wer im Recht ist, müsse auch für sein Recht kämpfen.

Sanftere Töne schlug indes der Unternehmer Christian Scherg an. Als Geschäftsführer der Revolvermänner GmbH hat er Erfahrung mit der Wiederherstellung des guten Rufs im Internet. Sein Credo: Den Angriff aus dem Netz in andere Kanäle leiten. Neue Inhalte sollten die negativen Schlagzeilen der Angreifer aus den Suchmaschinen wie Google verdrängen. Wichtig hierfür sind Mitstreiter, am besten Personen aus dem eigenen Umfeld, die sich für das Opfer im Netz einsetzen. Auf diese Weise könne man »durchaus in die Offensive gehen«. Ein Anwalt helfe seiner Ansicht nach eher weniger.

Ähnliche sah es auch die Mediatorin und Fachanwältin für IT-Recht Astrid Ackermann. Sie vertritt und begleitet Opfer von Internetattacken, beispielsweise wenn Privatfotos ohne Zustimmung ins Netz gelangen. Eine juristische Auseinandersetzung sei in manchen Fällen der falsche Weg. Er verschlimmere das Problem, da sich die betroffenen Parteien dann in noch größere Anfeindungen hineinsteigern. »Draufhauen bringt nicht viel.« Betroffene sollten zunächst mit einer schriftlichen Mahnung an den Angreifer reagieren.

Dominik Brodowski, Experte für Strafrecht äußerte grundlegende Probleme bei der Überführung der Täter. So reiche die IP-Adresse bei der Aufklärung der Straftaten keineswegs aus, da diese nicht auf den eigentlichen Nutzer, sondern lediglich auf einen Computer verweist.

Medienkompetenzen stärken

Bei der Abschlussdiskussion kam die Frage auf, wie sich die Gefahr von Shit-storms im Internet künftig verringern lässt. Dafür hatten die Experten kein Patentrezept. Auf offene Ohren stieß ein Vorschlag von Christian Scherg, die Medienkompetenz von Jugendlichen zu verbessern. Schon in der Schule sollten Lehrer über die Gefahren des ungezügelten Datenaustauschs besser aufklären. Denn soziale Netzwerke, so Scherg, »sollen sozial sein«. (GEA)



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