Geprobt wird auch das Sterben

VON OLIVER JIROSCH

!Pascal Kober kam vor wenigen Wochen aus Mali. In einigen Tagen bricht er wieder dorthin auf. Als Militärseelsorger betreut der Pfarrer und ehemalige Reutlinger FDP-Bundestagsabgeordnete Frauen und Männer, die dort bei der Bundeswehr ihren Dienst tun. Die Gottesdienste sind gut besucht, die Soldaten erzählen viel von ihren Sorgen und geprobt wird auch, einem sterbenden Soldaten in den letzten Minuten beizustehen

REUTLINGEN. Der Mann trägt eindeutig eine Bundeswehr-Uniform. Feldanzug in Tarnfarben. Rangabzeichen? Fehlanzeige. Waffe? Keine Spur. Braucht er auch nicht. Der Mann in dem sandfarbenen Zwirn heißt Pascal Kober, war früher FDP-Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Reutlingen. Im Zivilberuf ist Kober Pfarrer und arbeitet seit März 2014 als Militärseelsorger bei der Bundeswehr, nachdem die Liberalen im Herbst des Jahres zuvor bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert waren. So jemand braucht zwar eine Uniform, aber sicher keine Waffe.

An den Standorten Stetten am kalten Markt und Pfullendorf ist Kober, der im Juli 45 Jahre alt wird, tätig. Im Augenblick versorgt Kober wieder seine beiden Heimat-Standorte. In wenigen Tagen geht’s schon wieder nach Westafrika. Nach Mali, wo die Bundeswehr Teil einer UN-Mission ist. Zum zweiten Mal bereits. Im Dezember war der evangelische Theologe Kober schon einmal in Mali. Im ungefährlicheren Süden. Nun geht es in den Norden.

Für seinen ersten Einsatz waren zwei Monate vorgesehen. Daraus wurden 81 Tage. Der Pfarrer, der ihn ablösen sollte, brach sich zwei Tage vor dem Abflug die Hand. »Tja, da müssen wir schon flexibel sein«, meint Kober schulterzuckend, um dann schmunzelnd hinzuzufügen: »Oder ›Leben in der Lage‹, wie der Soldat zu sagen pflegt.« Den Jargon hat der Pfarrer also schon einigermaßen drauf. Ist er also schon ein richtiger Teil der Bundeswehr? Kober wehrt ab. »Nicht ganz«, sagt er. »Ich werde zwar vom Verteidigungsministerium, also vom Bund, bezahlt, aber die Disziplinargewalt liegt bei der Kirche.« Sie sagt also, wohin er zu gehen hat. Er erhält keinen Marschbefehl von der Bundeswehr.

»Auch für uns gelten die Schutzstatuten der Genfer Konvention« §§ Um das mit den Weisungen noch zu verdeutlichen, verweist der 44-Jährige auf die Schulterklappen (Aufschiebeschlaufen heiße es beim Feldanzug eigentlich korrekt, betont Kober). Dort, wo beim »normalen« Soldaten die Rangabzeichen prangen, damit der Gefreite vom Oberleutnant unterschieden werden kann. Bei Kober ist da aber kein Dienstgrad-Abzeichen zu sehen. Dafür aber ein Kreuz, darunter steht der lateinische Spruch »domini sumus« – wörtlich übersetzt »wir sind des Herrn«, gemeint ist, »wir gehören dem Herrn«. Das soll mich, so Kober, »immer daran erinnern: Der Herr im Himmel ist mein Dienstherr, nicht die Bundeswehr«.

Auch die Tatsache, dass er keine Waffe trägt, »ich trage auch keine versteckt, etwa zur Selbstverteidigung«, soll zeigen, dass er, der Pfarrer, nicht Teil des militärischen Auftrages ist. Auch bei der Vorbereitung auf die Auslandseinsätze sind die Pfarrer immer ausgenommen von der Ausbildung an der Waffe. Aber wenn den Militärpfarrern diese Unterscheidung schon so wichtig ist, weshalb tragen sie dann überhaupt eine Uniform? Kober lächelt. Er lächelt nachsichtig. Offenbar hat er diesen Einwand schon öfter mal gehört. »Dazu gibt es keine Alternative«, sagt er, »wir Pfarrer sind Teil einer offiziellen Armee bei einem offiziellen Einsatz. Und als solche müssen wir erkennbar sein. Auch für uns gelten schließlich die Schutzstatuten der Genfer Konvention«.

Die Uniform muss Kober, der übrigens in der zurückliegenden Legislaturperiode des Bundestags der Abgeordnete mit den meisten Rede-Beiträgen war, also ständig tragen. Auch bei den Gottesdiensten, die er unter der Sonne Westafrikas regelmäßig ein- bis zweimal in der Woche hält. Angereichert wird der Feldanzug dann noch um die über die Schulter geworfene Stola in den liturgischen Farben lila oder grün, oder an Weihnachten weiß. Und um ein Kreuz aus Silber, das um Kobers Hals hängt.

Und wie sieht ein Gottesdienst mit Bundeswehr-Soldaten in Westafrika aus? »Was wir haben, ist ein Liederbuch für Soldaten«, berichtet Kober, »was wir natürlich nicht haben, ist ein Organist. Die Liedbegleitung kommt deshalb vom iPod, das über Bluetooth mit Lautsprechern verbunden ist.« Und worüber spricht der Pfarrer dann? »Schuld, Vergebung, Hoffnung etwa. Ich suche mir Themen aus, von denen ich denke, dass sie für Soldaten bei Auslandseinsätzen wichtig sein könnten.« Und wie ist in der Regel ein solcher Gottesdienst der Bundeswehr in Afrika besucht, der über Kirchenglocken via iPod eingeläutet wird? Diesmal lächelt Kober nicht – er strahlt. »An einem der beiden Standorte, für die ich zuständig war, bestand die Einheit aus 30 Frauen und Männern. Und von denen sind meist 27 im Gottesdienst.« Eine Quote, auf die so mancher Dorfpfarrer neidisch wäre. Im anderen Standort, für den Kober zuständig war, in Koulikoro, kamen nicht ganz so viele der dort stationierten 160 Mann, aber gut besucht waren die Gottesdienste auch hier.

Doch bei der Bundeswehr-Einheit in Mali ist die Bindung zwischen Pfarrer und »Gemeinde« noch enger als in einem noch so kleinen Dorf. Jeden Morgen steht Kober mit den anderen Bundeswehr-Angehörigen auf und nimmt an ihrem Arbeitsalltag teil. So lernen sich Soldaten und Pfarrer kennen, so entsteht ein Vertrauensverhältnis. Aber Bundeswehr-Angehörige, die sich für einen Auslandseinsatz melden, das sind doch in der Regel kernige Jungs und Mädels. Brauchen die tatsächlich eine seelsorgerische Betreuung? »Da antworte ich mal mit einem Klischee«, sagt Kober: »Je härter die Schale, desto weicher der Kern.«

Sie alle sind fern der Heimat, sie haben praktisch kein Privatleben, es herrscht meist große Hitze. Und die latente Bedrohungslage ist auch bei den meisten irgendwo im Hinterkopf. Das alles sind Stressfaktoren. Da ist jeder froh, wenn er mal mit jemandem reden kann, der zwar dabei ist, aber doch mal einen Nicht-Bundeswehr-Blickwinkel hat – der Pfarrer eben. Manchmal spricht man tagsüber miteinander, einfach nur ein paar Schritte weg von den anderen. Manchmal kommen die Leute auch abends nach Dienstschluss zu ihm.

Manche Soldaten waren schon mehrfach im Auslandseinsatz und wollen über die Erlebnisse von damals reden. Manche drückt es, dass sie nicht so recht wissen, was die Freundin zuhause macht. Andere zeigen das erste Ultraschall-Bild vom Ungeborenen, wieder andere sorgen sich, ob sie den Filius aufs Gymnasium oder doch eher auf die Realschule schicken sollen oder erzählen von der laufenden Scheidung. Wenn Kober über die Sorgen und Ängste der Menschen berichtet, mit denen er in Mali redet, dann zählt er nicht auf. Er fühlt mit. Wenn Kober aus Mali erzählt, dann nicht von einem Job, den er versieht, sondern von Menschen, mit denen er zu tun hat.

Es ist eine Aufgabe, die den Pfarrer aus Reutlingen ausfüllt. »Ich glaube, es gibt keine Berufsgruppe, bei der die Arbeitszufriedenheit so groß ist wie beim Militärseelsorger. Wir sind ja alle Pfarrer geworden, weil wir mit Menschen zu tun haben wollen. Und als Militärseelsorger ist das in besonders konzentrierter Form der Fall. Dafür gibt es wenig Verwaltungsarbeit im Vergleich zur Gemeinde«, sagt Kober, der von den Soldaten mit »Herr Pfarrer« angeredet wird. Die Österreicher sagen »Hochwürden« zu ihm, die Franzosen reden ihn mit »mon père« an – mein Vater.

§§ »So ein Zusammenhalt ist schon eine feine Sache«
 
Pascal Kober ist mit Leib und Seele bei der Sache. Das merken auch die Frauen und Männer bei der Bundeswehr. Und so ist der frühere Bundestagsabgeordnete als Pfarrer schnell zum echten Teil der bekanntlich starken Truppe geworden. Am letzten Tag vor seinem Abflug nach Mali haben Soldaten in Pfullendorf ein Essen für ihn und seine Partnerin, die Marbacher Landoberstallmeisterin Astrid von Velsen-Zerweck, im Soldaten-Freizeitheim organisiert. Sie hatten das in ihrer Freizeit erledigt, nicht während des Dienstes. Sie wollten den Pfarrer verabschieden. Weil einer der ihren in die Ferne ging. Jetzt, da Kober vorübergehend wieder in der Heimat ist, erreichen ihn regelmäßig SMS, Mails, Bilder. Von »seinen« Soldaten in Mali. »Tja«, sagt Kober, »so ein Zusammenhalt ist schon ’ne feine Sache.«

Aber auch in anderer Hinsicht geht es dort recht intensiv und vertrauensvoll zu. Immer wieder probt die Bundeswehr in Mali den Ernstfall. Also einen Angriff der Rebellen. Dabei werden nicht nur Verletzungen simuliert, sondern auch das Sterben. Und Kober musste einem täuschend echt, also grässlich geschminkten Soldaten in dessen letzten Minuten beistehen. »Ich habe ihn angefasst, ihm gut zugesprochen, mit ihm gebetet und mit ihm ein Lied gesungen.« Sterbebegleitung auf dem Feld. »Das war sehr bewegend für mich.«

Bewegend war auch die Begegnung, zu der es kurz nach dieser Szene kam. Ein Soldat mit Vollbart kam in voller Kampfuniform auf Kober zu und sagte: »Herr Pfarrer, ich hab mir ja über so was noch nie Gedanken gemacht. Aber jetzt, wo ich das so gesehen hab: Ich bin froh, dass ich in so einer Situation dann nicht alleine bin«. (GEA)



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