Vorstellungsbesuch

Gauck lässt im Stuttgarter Landtag Augen glänzen

Von Henning Otte, dpa

STUTTGART. Ob grüner Regierungschef, linke Gewerkschafterin, früherer Finanzminister oder launige Buchautorin - alle sind ganz angetan von »ihrem künftigen Bundespräsidenten«. An diesem Dienstagvormittag gibt es nach dem Auftritt von Joachim Gauck viele glänzende Augen im Foyer des Stuttgarter Landtags. So viel Konsens gibt es im Parlament eher selten.

In Stuttgart ist Joachim Gauck viel Sympathie entgegen gebracht worden.
In Stuttgart ist Joachim Gauck viel Sympathie entgegen gebracht worden. FOTO: dpa
Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann schwärmt über die »besondere Gabe« des früheren DDR-Bürgerrechtlers. »Strukturiert, frei und druckreif« habe der evangelische Pfarrer über die Freiheit und die Demokratie gesprochen - »und gleichzeitig so einladend«. Es ist unübersehbar: Der frühere Ethiklehrer und engagierte Katholik Kretschmann erkennt in Gauck einen Freund im Geiste. »Wir können gut miteinander«, verrät der 63-jährige Grüne.

Dabei ist der 72 Jahre alte Gauck auch für die Grünen nicht bequem. In seiner nicht öffentlichen Rede macht er aus seiner Skepsis gegenüber mehr direkter Demokratie keinen Hehl. Dem Schweizer Modell habe er eine klare Absage erteilt, erzählt CDU-Fraktionschef Peter Hauk. Kretschmann bringt das nicht aus der Ruhe. Dass Union und Liberale nun ständig meinten, Grüne und SPD, die Gauck ursprünglich vorgeschlagen hatten, würden noch ihr blaues Wunder erleben, hält er für »nichts als Phrasen«.

Die Bestseller-Autorin Gaby Hauptmann findet Gauck »rhetorisch bestechend« und mag seine Standfestigkeit. »Er will nicht jedermanns Liebling sein.« Leider habe die CDU sie nicht vor zwei Jahren für die Bundesversammlung nominiert. »Ich hätte ihn schon vor zwei Jahren gewählt.« Die Nähe von Christian Wulff zu reichen Leuten habe sie schon immer gestört, erzählt die Schriftstellerin (»Suche impotenten Mann fürs Leben«).

Der frühere Finanzminister Gerhard Stratthaus (CDU) freut sich darüber, dass Gauck auch mal die Macht der Medien hinterfragen will. Die Presse kontrolliere die Politik. »Aber wer kontrolliert die Presse?«, habe der Kandidat gefragt. Die CDU-Abgeordnete Friedlinde Gurr-Hirsch fragte Gauck in der Diskussion nach seinem Umgang mit der »Generation Facebook«. Das Internet dürfe kein rechtsfreier Raum sein, er wünsche sich mehr Kontrollmöglichkeiten, habe Gauck geantwortet. Gurr-Hirsch ist überzeugt: »Er wird es gut machen.«

Beim späteren Stehempfang plaudern Gisela Mayer vom Vorstand des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden und Doro Moritz von der Lehrer-Gewerkschaft GEW miteinander. Mayer reist für die Grünen, Moritz für die SPD nach Berlin. Gaucks großes Thema Freiheit kommt bei Mayer gut an: »Freiheit ist für uns schon zu selbstverständlich geworden.« Die Gewerkschafterin Moritz hat kein Problem damit, dass Gauck den Menschen mehr Eigenverantwortung abverlangen will - weil er zugleich darauf dringt, sie von Anfang zu unterstützen.

Beide Frauen freuen sich auf die Wahl am kommenden Sonntag in Berlin und sehen es als Anerkennung für ihr Engagement. Nein, nervös seien sie nicht, auch wenn so viel Politprominenz zugegen sei. »Ich hab' keine Angst vor großen Tieren«, meint Moritz. (dpa)

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