Retro Classics - 3 000 historische Fahrzeuge als Hauptdarsteller auf der Stuttgarter Landesmesse
Fahren in besseren Zeiten
Von Hans-Jörg Conzelmann
LEINFELDEN-ECHTERDINGEN. »Ein Wunder ist geschehen.« Gerade noch kann sich der Liebhaber historischer Fahrzeuge das Falten der Hände und den Kniefall verkneifen, als er den champagnerorangen 35 Jahre alten Mercedes »W123« sieht, der laut Besitzer »226 original Kilometer« gelaufen ist - ein Oldtimer im Neuwagenzustand.
Die Macht der Farben und Formen: 3 000 historische Fahrzeuge sind bei der »Retro Classics« zu sehen.
FOTO: Hans-Jörg Conzelmann
Er steht in Halle fünf, dem wohl heißesten Pflaster der diesjährigen »Retro Classics«. Dort und in Halle sechs läuft ein schwunghafter Handel mit 300 Young- und Oldtimern, von denen im vorigen Jahr fast alle verkauft wurden. Messemacher Ulrich Herrmann nannte diesen Bereich »Schnäppchenmarkt für Privatleute«, wobei die Besitzer nichts zu verschenken haben. Besagter Champagner-Mercedes kostet 25 000 Euro geradeaus.
Straßenkreuzer aus Reutlingen
In anderen Hallen stehen ganz andere Kaliber. Ein »Cheetah Coupé« in Halle vier liegt bei 130 000 Euro, die eleganten Silberpfeile, Lagondas und Rolls Royce (alle Zustand eins plus) dürften höhere Erträge erzielen. Der Kaufwille indes ist nicht die entscheidende Triebfeder für rund 70 000 erwartete Besucher, den strahlenden Schönheiten ihre Aufwartung zu machen. Vielmehr sind es die schmerzlich vermissten Formen und Linien jener Zeit, in der Funktion noch der Form zu folgen hatte. 3 000 Autos und Motorräder blitzen noch bis Sonntag um die Wette, viele sind unverkäuflich.
Denn auch die Aussteller kommen nicht nur des Geldes wegen. Der »American Car Club Reutlingen« in Halle fünf etwa stellt seine Straßenkreuzer vor allem deswegen aus, um die Freude an den »Big Blocks« mit anderen zu teilen. Der Vorsitzende Tilo Schwaiger streicht liebevoll über die Flanken seines Chevrolet Baujahr 1960 und demonstriert die kunstvollen Linien, die Intarsien nicht unähnlich sind. Daneben steht der geradlinige Lincoln Continental 1969 von Michael Wurster, ein Ford Mustang gleichen Alters von Fritz Votteler und die 76er Corvette von Helmut Harpprecht - Zeugen des jeweiligen Zeitgeistes und Ausdruck des Lebensgefühls, das sich beim Besucher mühelos wieder einstellt.
Die »Retro Classics« ist zehn Jahre alt und auch dieses Jahr wieder gewachsen (1 100 Aussteller). Sämtliche Hallen sind belegt. Die Quantität lässt sich im kommenden Jahr nicht steigern, wenn es den 125. Geburtstag des Automobils zu feiern gilt. Alfa Romeo legt in Halle vier schon mal ein eigenes Jubiläum vor: Seit 100 Jahren lässt die italienische Nobelschmiede die Herzen der Männer höher schlagen, inzwischen angeblich auch die Herzen der Frauen.
Umlagert werden »Giulia« und »Giulietta« des Mailänder Privatsammlers Corrado Lopresto von ähnlich lautmalerischen Zweirädern der Marken »Laverda«, »Moto Guzzi« und »MV Agusta«. Der Zweiradbereich hat sich verdoppelt. Und auch der Teilemarkt feiert Erfolge. 300 Händler bieten Kotflügel aus vielen Jahrzehnten an. »Gekaufte Teile« beruhigt Herrmann, »können an der Garderobe abgegeben werden«. (GEA)
Automobile Klassiker
FOTO: Hans-Jörg Conzelmann