Zeitgeschichte - Ehemalige politische Häftlinge führen durch das frühere Stasi-Gefängnis von Hohenschönhausen

Erniedrigt und psychisch gefoltert

Von Jürgen Rahmig

BERLIN. Er wird aggressiv am Telefon, droht und fragt, warum Dieter von Wichmann das mache, schließlich habe er doch zugegeben, dass er flüchten wollte, und außerdem habe man sich doch eigentlich ganz gut verstanden ...

Wichmann, ein ehemaliger Häftling, ist irgendwie schockiert. Die Vergangenheit hat ihn mit diesem Anruf wieder eingeholt.

Kämpfer wider das Vergessen: Dieter von Wichmann in Hohenschönhausen. GEA-FOTO: RAHMIG
Kämpfer wider das Vergessen: Dieter von Wichmann in Hohenschönhausen. FOTO: Jürgen Rahmig
Er kennt den Mann am andern Ende der Leitung. Dieser war sein Vernehmungsoffizier vor 49 Jahren, der in einem der 120 nüchtern-funktionell eingerichteten Zimmer im Vernehmungstrakt des berüchtigten Gefängnisses in Berliner Stadtteil Hohenschönhausen residierte und seine Häftlinge Tag wie Nacht stundenlang weich zu kochen versuchte.

Die Erinnerung an das Unrecht des SED-Regimes stört jene, die Teil dieses Systems waren. Und es gibt nach wie vor Cliquen und Seilschaften ehemaliger Stasi-Mitarbeiter. Sie melden sich zunehmend wieder zu Wort, subtil repressiv oder unverhohlen drohend, verunglimpfend, frech, ihre ehemaligen Opfer verhöhnend, verunsichernd, drangsalierend - so wie damals, nur eben unter anderen Vorzeichen. Sie verharmlosen, versuchen zu diffamieren. Die meisten ehemaligen Schergen des Regimes laufen frei herum, viele wohnen noch im MfS-kontaminierten Hohenschönhausen in der Umgebung ihrer einstigen Arbeits- und Wirkungsstätte. Angst vor Verurteilung müssen sie nicht haben. In rund 30 000 Ermittlungsverfahren gegen ehemalige Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) kam es nur zu 19 Verurteilungen.

»Es gab nur mangelhafte Luftzufuhr und viele litten an Atembeschwerden«
 

Wir befinden uns in der ehemaligen MfS-Untersuchungshaftanstalt der DDR in Berlin-Hohenschönhausen. Heute ist das Gefängnis ein Museum und eine Gedenkstätte zugleich, getragen von einer Stiftung, die vor zehn Jahren am 1. Juli 2000 gegründet worden war.

Die Atmosphäre ist bedrückend, geradezu beklemmend - und wenn sich dann noch Türen schließen, meint man herrisches Gebrüll zu vernehmen, die Hektik zu spüren, hat das Gefühl des totalen Ausgeliefertseins, rechtlos, gedemütigt, erniedrigt, psychisch und physisch gefoltert, enthumanisiert. So jedenfalls erging es den Häftlingen damals, zuerst unter den Sowjets, dann unter Stasi-Regie.

Wer Hohenschönhausen besucht, sollte sich auf was gefasst machen. Auf die repressive deutsche Realität zu DDR-Zeiten. Hohenschönhausen war vor allem ein Untersuchungsgefängnis der Knechte des SED-Regimes. Einst eine Großküche der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, wurde der Gebäudekomplex nach dem Krieg von den Russen zum Speziallager Nr. 3 mit angeschlossenem Arbeitslager umfunktioniert. 1947 richtete der sowjetische Geheimdienst im Keller der ehemaligen Großküche das sogenannte U-Boot ein. Es bestand aus 60 Zellen - ein wahres Gefängnisloch. Rund 3 000 überwiegend politische Häftlinge sollen dort aufgrund der katastrophalen Verhältnisse in der Zeit von Juli 1945 bis Oktober 1946 gestorben sein. Sie wurden auf einen Schuttabladeplatz verscharrt. Zu den Häftlingen damals gehörte auch der Schauspieler Heinrich George, der 1946 schließlich im Lager Sachsenhausen verstarb.

Nach der Übernahme des Geländes durch den Staatssicherheitsdienst im Jahr 1951 verwandelte sich die physische Gewalt in psychische Gewalt. Das Kellergefängnis wurde bald zu klein. Ende der 1950er-Jahre mussten Häftlinge des benachbarten Arbeitslagers im hinteren Teil des Geländes ein neues Gebäude mit über 200 Zellen und Vernehmerzimmern errichten, welches das alte Kellergefängnis als zentrale Untersuchungshaftanstalt ablöste. Das »U-Boot« wurde noch bis 1961 genutzt.

»Am vereinbarten Fluchttag klingelte die Stasi an der Tür«
 

Nicht wenige Besucher gruselt es, wird es flau im Magen, wenn sie sich vorstellen, was Menschen im »U-Boot« erleiden mussten. Die Zellen waren Gefängniszellen, größtenteils ohne Licht von außen, karg, eine Holzliege, eine Tag und Nacht brennende Glühbirne, ein Kübel für die Notdurft. »Es gab nur mangelhafte Luftzufuhr und viele Insassen litten unter Atembeschwerden«, schildert von Wichmann, während er die Besucher durch die Kellerverliese führt. Oder die Wasserzelle, in der Häftlinge gefoltert wurden, oder die Stehzelle, ein Türdurchgang, der für die Körpergröße eines Erwachsenen nicht ausreichte, quasi ein Türrahmen, von beiden Seiten verschlossen, in dem es sich weder richtig stehen noch knien oder gar sitzen lässt. 20 Stunden darin stehen, in völliger Dunkelheit und Atemnot - Extremerfahrungen, die man nicht mehr vergisst.

Dieter von Wichmann ist 72 Jahre alt und drahtig und führt seit rund zehn Jahren Besucher durch das Gefängnis, durch das vor allem Politische durchgeschleust wurden - und dazu gehörten auch solche, die einfach nur aus dem großen Gefängnis DDR flüchten wollten. Kriminelle kamen selten nach Hohenschönhausen, sagt von Wichmann. Warum führt er die von Jahr zu Jahr größer werdende Besucherschar durch den Knast? Weil er selbst hier gelitten hatte. Er war eines der Stasi-Opfer und will darüber erzählen.

Die physische Gewalt der 1950er-Jahre wurde seit den 60er-Jahren durch raffinierte psychologische Foltermethoden ersetzt. Über den Ort ihrer Haft ließ man sie bewusst im Unklaren. Im kleinen, geschlossenen »Gemüse«-Transporter wurden sie eingeliefert oder verlegt. Systematisch gab man ihnen das Gefühl, einem allmächtigen Staat ausgeliefert zu sein. Die Haftanstalt in der Genslerstraße befand sich in einem weiträumigen militärischen Sperrbezirk mit zahlreichen MfS-Einrichtungen. Von der Außenwelt hermetisch abgeschnitten und von den Mitgefangenen isoliert, wurden sie durch ihre Vernehmer monatelang verhört und mit Zuckerbrot und Peitsche weich gekocht, damit sie sich und/oder andere mit ihren erpressten Aussagen belasteten. Kritiker der SED wie Rudolf Bahro, der Schriftsteller Jürgen Fuchs oder die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley haben in Hohenschönhausen eingesessen.

Von Wichmann wollte die DDR verlassen und nach mehreren gescheiterten Fluchtversuchen nahm er Kontakt zu professionellen Fluchthelfern auf. Doch »am vereinbarten Fluchttag im Oktober 1963 klingelten Stasi-Mitarbeiter an meiner Wohnungstür«. Sie verhafteten den 26-Jährigen und brachten ihn ins Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen. Dort wurde er durch Einzelhaft, Leseverbot und zermürbende Verhöre so lange unter Druck gesetzt, bis er ein Geständnis unterschrieb. Dazu »inspiriert« und überredet hatte den sich in schlechter psychischer Lage befindlichen von Wichmann ein Mithäftling, der plötzlich in seiner Zelle 123 landete. Tatsächlich war dieser ein Zellenspitzel. Was bekam ein solcher Zelleninformant für seine Schmutzarbeit? »Eine Packung Zigaretten beispielsweise, oder vielleicht ein Brief nach draußen«, antwortet von Wichmann, aber keine Vergünstigungen wie Haftverkürzung, auf die diese ZI's oft spekulierten. Ihre erschlichenen Informationen brachten sie in eigens dafür eingerichteten Zimmern zu Papier.

Nach vier Monaten U-Haft wurde von Wichmann im Februar 1964 wegen Vorbereitung zum illegalen Verlassen der DDR, ungesetzlicher Verbindungsaufnahme und Verstoßes gegen das Pass-Gesetz zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach 15 Monaten Haft im Zuchthaus Berlin-Rummelsburg hatte er schließlich das Glück, dass ihn die Bundesrepublik Deutschland im Mai 1965 freikaufte. Die DDR nutzte diese Möglichkeit als Devisenquelle. In West-Berlin absolvierte von Wichmann dann ein Studium zum Theater- und Beleuchtungsmeister. Er heiratete und machte Karriere. Von Wichmann brachte es bis zum technischen Leiter des Internationalen Congress Centrums in Westberlin.

Seit 1999 führt der Rentner Besuchergruppen durch die Gedenkstätte. In dem Theaterstück »Staats-Sicherheiten« erzählen fünfzehn ehemalige Häftlinge aus den Stasi-Gefängnissen in Potsdam und Berlin-Hohenschönhausen von ihren Erfahrungen vor, während und nach der Haft. Sie berichten von Spitzeln, Vernehmern und von falschen Freunden. Sie erinnern sich an Unterdrückungsmechanismen und an Überlebensstrategien.

»Eine Packung Zigaretten vielleicht oder ein Brief nach draußen«
 
Von Wichmann plaudert, erzählt, beantwortet Fragen. Am Ende der Führung fordert er die Besucher auf, sich politisch zu engagieren, sich einzumischen und dafür zu sorgen, dass sich das nie mehr wiederholen kann.

Kleine Genugtuung: Am Ende saß Stasi-Chef Erich Mielke selbst in dem Gefängnis ein, wenn auch nur im Krankenhaustrakt. Doch das kann die Opfer kaum befriedigen, denn die Masse der Täter lebt unbehelligt »mitten unter uns« - und nicht wenige betätigen sich als Geschichtsfälscher und versuchen sich und das SED-System reinzuwaschen und dreiste Legenden zu bilden. Einer dieser unverfrorenen Schönfärber ist der Ex-Stasi-Oberst und letzte Leiter des Knastes, Siegfried Rataizik. Ihm wie anderen ist die Gedenkstätte ein Dorn im Auge, der störende Stachel im Fleisch. (GEA)



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