KOMMENTARE - Obamas Abschiedsrede

Eine ernüchternde Bilanz

VONJÜRGEN RAHMIG

Obama geht und Trump kommt. Wer hätte gedacht, dass man dem scheidenden US-Präsidenten noch einmal nachweinen würde. Er war kein herausragender Präsident, auch kein schlechter, vor allem aber einer, der mit vielen guten Vorsätzen, Erwartungen und Vorschusslorbeeren ins Weiße Haus gelangte und deshalb schon im Voraus den Friedensnobelpreis erhalten hatte. Vom »Yes we can«, mit dem er acht Jahre zuvor – getragen von einer weltweiten Euphoriewelle – ins Amt kam, blieb nicht viel. Er konnte etliches von dem, was er sich vorgenommen oder versprochen hatte, nicht umsetzen. Vieles war dem eigenen Unvermögen und mangelnder Entschlussfreudigkeit geschuldet, kombiniert allerdings mit einer zerstörerischen Blockadehaltung der Republikaner im Kongress. Welchen Platz der erste schwarze US-Präsident in der Geschichte einnehmen wird, werden später einmal die Historiker zu entscheiden haben.

Obamas Abschied war staatsmännisch und von der großen Sorge getragen, was sein Nachfolger wohl tun und lassen wird. Noch einmal mahnte und warnte er. Gleichzeitig vertraut Obama aber auf das amerikanische Volk. Dieses allerdings ist nach dem heftigen Wahlkampf zwischen dem schreiend selbstdarstellerischen Republikaner Donald Trump und der zum ungeliebten Polit-Establishment gehörenden Demokratin Hillary Clinton tief gespalten.

Obama räumte in seiner emotionalen Rede ein, dass er gerne mehr erreicht hätte. Sein Aktionismus in den letzten Wochen kam zu spät. Erst ganz zum Schluss hatte Obama vor dem Hintergrund der Trump-Wahl wieder jenen Mut gefunden, den viele lange schmerzlich vermisst hatten. Letztlich musste Obama selbst eine ernüchternde Bilanz ziehen. Die Wähler haben den Demokraten dafür die rote Karte gezeigt.

juergen.rahmig@gea.de

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