Historische Rückschau - Richard von Weizsäcker sprach in Tübingen über sein neues Buch »Der Weg zur Einheit«
Ein Zeitzeuge, der die Geschichte lebendig macht
Von Elisabeth Weidling
TÜBINGEN. Nach und nach füllte sich der Festsaal der Neuen Aula. Feiner Zwirn, wohin das Auge blickte. Ein gemischtes Publikum aus Alt und Jung war gekommen, um den großen Staatsmann Richard von Weizsäcker live in Tübingen zu erleben. In Begleitung von SWR-Moderator Wolfgang Niess beschritt der fast Neunzigjährige pünktlich um 20 Uhr die Bühne und nahm an einer Sitzgruppe Platz, um sich - hoch konzentriert - 90 Minuten den Fragen des Moderators zu stellen. Die drehten sich in erster Linie um sein neues Buch »Der Weg zur Einheit«. Mit Weizsäcker unternahmen die Zuhörer eine Reise in die Vergangenheit. Aber auch zur aktuellen Politik nahm der ehemalige Bundespräsident Stellung.
Der ehemalige Bundespräsident ist ein engagierter Redner.
FOTO: Gerlinde Trinkhaus
Bescheidener Einheits-Präsident
Es war ihm anzumerken, dass er seinen derzeitigen »Beruf als Zeitzeuge«, wie er es nannte, mit Leidenschaft ausübt. Als ein Mensch, der die vier Stationen der deutschen Geschichte - Weimarer Republik, NS-Diktatur, geteiltes Deutschland und Wiedervereinigung - selbst miterlebt und die Wiedervereinigung mitgestaltet hat, ließ er die Zuhörer an seinen Erlebnissen teilhaben. Etwa, wie er vom damaligen starken Mann Russlands, Michail Gorbatschow, wissen wollte, wie lange die deutsche Frage noch offen bliebe, und dieser antwortete: »Was weiß ich, was in 100 Jahren ist.« Zwei Jahre später fiel die Mauer.
Der viel zitierte Satz, »wer zu spät kommt, den bestraft das Leben«, sei öffentlich nie so gefallen, stellte Weizsäcker richtig. Gorbatschow habe zu dem damaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker stattdessen gesagt: »Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren.«
Weil der russische Politiker Reformen offen gegenüberstand, sei es auch so wichtig gewesen, während dessen Amtszeit zügig die Wiedervereinigung herbeizuführen. Weizsäcker gestand, dass unter Zeitdruck auch Fehler passierten. »Wir sind Menschen«, sagte der 89-Jährige. Als die Mauer gefallen war, hätte es jedoch kein Zurück mehr gegeben. Auch wenn die Verfassung anstatt einer Vereinigung die Alternative für einen Beitritt der DDR zur BRD geboten hätte.
Weizsäcker hob die Verdienste Gorbatschows bei der »friedlichen Revolution« in Leipzig kurz vor dem Zusammenbruch der DDR hervor. Dessen Anordnung, »die Truppen bleiben in der Kaserne«, beeinflusste die deutsche Geschichte entscheidend. Über seine eigenen Verdienste wollte der bescheidene Gast nicht zu viel sprechen.
Weizsäcker entpuppte sich als exzellenter Kenner der deutschen Geschichte und des Ursprungs der deutschen Identität. Sein Buch reicht zurück bis zu Otto dem Großen. Was wann zu Deutschland gehörte, riss Weizsäcker ansatzweise an.
Obwohl den Dänen von den Preußen viel weggenommen wurde, hätten sie, wie er aus aktuellen Gesprächen weiß, keine Angst vor den Deutschen und seien proeuropäisch eingestellt. Er sprach den Konflikt um die Oder-Neiße-Grenze an, für die er gestimmt hatte, weil alles andere »Isolation« bedeutet hätte. »Das hätte niemandem, auch den Heimatvertriebenen nicht geholfen.« Lobend äußerte sich Weizsäcker über Vertriebene, die ihr Schicksal annähmen.
Den Exkurs unternahm der honorige Gast deswegen, weil sein Credo im Zusammenhang mit der Einheit lautet: »Wer sich vereinigen will, muss teilen lernen, materiell, aber auch die Geschichte.« Frankreichs damaliger Präsident François Mitterrand sei einer gewesen, der Letzteres im Gegensatz zur britischen Amtskollegin Margaret Thatcher vorgelebt hätte. Denn er hätte, trotz seiner Gefangenschaft im Zweiten Weltkrieg, sein Bild von den Deutschen revidiert, während die Eiserne Lady auf dem Stand von 1942 geblieben sei. (GEA)