INTERVIEW Die Religionspädagogin Lamya Kaddor hat das Buch der Muslime neu sortiert und kämpft gegen Vorurteile an
Ein Koran zum Verstehen
REUTLINGEN. 114 Suren umfasst der Koran. Geordnet sind sie nach Länge - ohne Rücksicht auf thematische Zusammenhänge. Für Kinder, aber auch für viele Erwachsene ist das Offenbarungsbuch der Muslime deshalb nur schwer verständlich. Die Religionspädagogin Lamya Kaddor, die in einer Dinslakener Hauptschule Islamkunde unterrichtet und an der Universität Münster Lehrer für den islamischen Religionsunterricht ausgebildet hat, hat nun zusammen mit der Islamwissenschaftlerin Rabeya Müller einen »Koran für Kinder und Erwachsene« geschrieben (Verlag C.H. Beck). Auch Christen legt sie die Lektüre ans Herz - um mit vielen Vorurteilen aufzuräumen. GEA-Redakteurin Bettina Jehne hat mit der 29-Jährigen, deren Eltern aus Syrien stammen, gesprochen.
Viele Verse, die wir in Ihrem Buch zu lesen bekommen, predigen Toleranz gegenüber Ungläubigen. Es heißt: »Es gibt keinen Zwang im Glauben.« Ist der Islam friedliebend und tolerant?
Kaddor: Ja. Der Islam ist eine »Folgeerscheinung« von Judentum und Christentum, und auch hier gehen wir doch davon aus, dass das friedliebende Religionen sind! Vom muslimischen Verständnis her ist der Koran eine Fortführung und Erweiterung der bereits vorhandenen beiden Schriften: nämlich des Alten Testaments, also der Tora, sowie der vier Evangelien, also Teilen des Neuen Testaments. Natürlich kann man jede Religion und deren Schriften negativ und hetzerisch auslegen - wenn man es denn darauf anlegt.
»Man kann jede Religion und deren Schriften hetzerisch auslegen«
Selbst seriöse Religionswissenschaftler und Politiker sehen einen Gewaltaspekt im Islam und berufen sich auf entsprechende Suren.
Kaddor: Viele Verse kann man nur im historischen Zusammenhang verstehen. Mohammed hatte zum Beispiel eine Auseinandersetzung mit einem jüdischen Volk. Daraufhin kamen Verse zustande wie: Bekämpft die Ungläubigen, wo immer ihr sie findet. Islamkritiker, Filmemacher wie der Niederländer Geert Wilders, oder muslimische Fundamentalisten gehen dann her, reißen Verse aus dem Kontext und meinen, diese seien entweder ein Beleg für die Gewalttätigkeit dieser Religion, oder eine Rechtfertigung dafür, dass man Ungläubige bekämpft und tötet. Ich spreche in diesem Fall von einem Missbrauch der Religion; ich verurteile das aufs Schärfste. Im Übrigen findet man auch im Alten Testament vergleichbare Verse.
In Ihrem Buch sind nur etwa ein Drittel der Koran-Verse enthalten. Nach welchen Kriterien haben Sie ausgewählt? Und warum kommen Worte »Kopftuch« und »Dschihad« nicht vor? Absichtlich?
Kaddor: Es war eine religionspädagogische Entscheidung: Wir haben uns gefragt, was es Kindern nützt, wenn sie wissen, wann das Kopftuch getragen wird oder was Dschihad ist. Es nützt Kindern nichts. Wir haben uns auf die Kernthemen des Koran konzentriert und dazu alle vorhandenen Verse zusammengetragen, sie in eine logische Reihenfolge gebracht und dann in eine einigermaßen jugendgerechte Sprache übersetzt.
Dennoch: Radikale Muslime führen weltweit einen »Heiligen Krieg« gegen Ungläubige. Was sagt der Koran denn zum Dschihad?
Kaddor: Es gibt zwei Arten von Dschihad: den großen und den kleinen. Der kleine Dschihad bedeutet in der Tat »kämpferische Anstrengung«, aus diesem Begriff hat man den »Heiligen Krieg« gemacht. Bloß: Diese Vokabel kommt aus der Kreuzritterzeit, also aus dem christlichen Kontext. Viel bedeutender und häufiger erwähnt wird im Koran der »große Dschihad«. Und der bedeutet »Anstrengung« und »Bekämpfung des eigenen Ichs«. Das heißt: Man muss sich selbst disziplinieren, muss sich ständig bessern, muss ein guter Mensch sein.
Warum legen so viele radikale Muslime den Koran falsch aus?
Kaddor: Ich kann mich nicht in solche Menschen hineindenken.
In einem Kapitel bündeln Sie die Verse über starke Frauen, darunter Maria, die Mutter Jesu. Was erzählen Sie Ihren Schülern über das Frauenbild im Koran?
Kaddor: Der Koran zeichnet ein positives Frauenbild. Die Frau wird wie der Mann als Geschöpf Gottes gesehen; es gibt eine Gleichwertigkeit vor Gott, die Frau ist dem Manne nicht unterstellt. Im Koran steht auch nirgends, dass die Frau genau dieses oder jenes machen soll. Dass in der Praxis heute Frauen eher die Rolle der Hausfrau und Mutter einnehmen, was sich auch im Christentum und Judentum so herauskristallisiert hat, ist von kulturellen Dingen geprägt. Was der Koran sagt, ist, dass gläubige Männer und gläubige Frauen »nachdenken« und ihren Verstand benutzen sollen. Das heißt, auch Frauen sollen sich bilden.
»Für mich stellt das Kopftuch in Deutschland keinen Schutz mehr dar«
Es gibt die berühmte Sure 4, Vers 34, in denen Männern zum Umgang mit ihren Frauen geraten wird: »Jene, deren Widerspenstigkeit ihr befürchtet: ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie.«
Kaddor: Diesen Vers, auf den sich fundamentalistische Muslime und Männer berufen, haben wir in unserem Buch nicht aufgegriffen. Aber Vergleichbares steht in der Bibel auch drin; dass etwa der Mann über die Frau »herrsche«. Es gibt heute Versuche, das arabische Wort, das häufig mit »schlagen« übersetzt wird, mit »trennen« zu übersetzen. Es muss außer Frage stehen, dass Muslime heute Schlagen nicht als Mittel zur Problemlösung erachten dürfen.
Schreibt der Koran das Kopftuch vor?
Kaddor: Zum Kopftuch heißt es, die gläubigen Frauen sollen das Tuch über das Haupt ziehen bis zur Brust. Daraus haben Theologen später den Schluss gezogen, das bedeute wohl, ein Kopftuch zu tragen. Es steht nirgends, wie man es genau binden oder wie es aussehen soll.
Sie selbst tragen kein Kopftuch.
Kaddor: Es gibt Frauen, die sagen: Dadurch, dass das Kopftuch nicht unmittelbar im Koran steht, ist es für mich nicht verbindlich. Ich persönlich frage mich, was das Tuch zur damaligen Zeit sollte? Antwort: Es sollte die Frauen schützen. Heute stellt es für mich - zumindest in Deutschland - keinen unmittelbaren Schutz mehr dar. Heute kann ich anderes tun, um mich im islamischen Sinne zu schützen - zum Beispiel keine Kleidung tragen, die zu freizügig ist. Damit ist aus meiner Sicht der Sinn des Kopftuches erfüllt.
Warum zeigen Sie in Ihrem Buch einige Illustrationen, die das Gesicht Mohammeds zeigen, was nach islamischem Glauben verboten ist?
Kaddor: Natürlich gibt es das Bilderverbot. Kinder und Jugendliche lernen aber besser durch Bilder. Wenn das Originalbild das Gesicht zeigt, haben wir das Bild genauso verwendet. Hier ist der künstlerische Anspruch im Sinne der Pädagogik höher zu bewerten als das Bilderverbot.
Sie haben Islamkundelehrer ausgebildet. Was spricht für einen Islam- Unterricht an deutschen Schulen?
Kaddor: Ich sehe die integrative Kraft eines deutschsprachigen Islamunterrichts. Die Kinder lernen, sich auf Deutsch mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und man kann sicher auch Radikalisierungsprozessen entgegenwirken, indem der Koran eben nicht von Fundamentalisten ausgelegt wird, sondern von gut ausgebildeten Religionspädagogen. (GEA)
Ans Aufgeben denkt er nicht: Der Extremschwimmer Bruno Dobelmann will in rund 24 Stunden einmal quer durch den Bodensee schwimmen - ohne Pause und ohne Neoprenanzug.