Politik
Bürgermeisterwahlen - Bernd Richard Hinderer berät Kandidaten, Timm Kern empfiehlt pfiffige Kampagnen

Beste Chancen mit »Stallgeruch«

VON MARKUS AUCH

REUTLINGEN/TÜBINGEN. Den »leichten Kampf, den präzisen« mag Bernd Richard Hinderer, Berater für Bürgermeister-Wahlkämpfe aus Gomadingen. Wie die Chancen bei Kandidaten stehen, die nicht aus der Kommunalverwaltung stammen, darüber gehen die Ansichten auseinander: Der Tübinger Politikwissenschaftler Dr. Timm Kern sieht Quereinsteiger im Aufwind - nicht nur bei Abwahlen von Bürgermeistern in Baden-Württemberg. Aber meist machen gelernte Fachleute das Rennen.

Wann aber verliert der Verwaltungs-Profi gegen den Nicht-Fachmann? Die Sehnsucht des Wählers nach »Identifikation« und »Projektion« gibt den Ausschlag, meint Kern, der alle 163 »Abwahlen« in Baden-Württemberg zwischen 1973 und 2003 analysiert hat - Bürgermeisterwahlen, bei denen der Amtsinhaber das Nachsehen hatte.



Schwaben legen Wert auf Können

Quereinsteigern wie Lehrern, Polizisten, Rechtsanwälten räumt der 38-Jährige gute Chancen ein. Allerdings: »Statistisch sind Quereinsteiger insgesamt unbedeutend«, sagt Bernd Richard Hinderer. Über neunzig Prozent der Bürgermeister aber sind Verwaltungs-Fachleute, dieser Wert wurde auch wissenschaftlich ermittelt. Eine Ausnahme ist der ehemalige Schiffs-Steward Franz Josef Möller.

Schwaben legen größten Wert auf Können und Qualifikation ihrer Bürgermeister. Das ergibt sich aus der Geschichte des Landes: In Jahrhunderten hat sich das Amt des Schultes zu dem des Bürgermeisters entwickelt, der in aller Regel Absolvent einer der Verwaltungshochschulen des Landes ist.

Bei einem vom Fach steht der Bürgermeisterwahl-Erfolg quasi schon im Lebenslauf. Sonst muss einer schon sehr hart kämpfen. Hinderer: »Einem Juristen und erfahrenen Kommunalpolitiker traut man schon zu, dass er das stemmt. Das wäre dann ein Quereinstieg light.«

Meist aber gebe es bei Wahlen einen oder zwei aussichtsreiche Kandidaten. Doch seiner Meinung nach gibt es auch Wahlen, die ein Kandidat mit »Stallgeruch« gar nicht verlieren kann, »sofern er sich nicht saudumm anstellt«: wenn er diplomierter Verwaltungswirt ist mit Berufserfahrung, in den Dreißigern und ohne Altlasten. Hat er dann nur einen Dauerkandidaten oder dorfbekannten Quertreiber zum Gegner, dann kann kaum etwas anbrennen.

Von einer »Ärmelzupf-Demokratie« spricht die Wissenschaft: »Die Bürger wollen einen Bürgermeister zum Anfassen, der nicht spröde und unnahbar ist«, erläutert der Politologe Timm Kern. Soziale Kompetenz lässt sich aber nicht pauken wie Verwaltungsrecht. »In der überwiegenden Zahl der Fälle treten Verwaltungs-Fachleute an. Wenn man mit denen dann auch noch reden kann, dann werden sie gewählt«, erklärt Kern weiter.

Der Nicht-Fachmann hat aus seiner Sicht nur dann eine Chance, wenn der Fachmann schlechter kommuniziert als er. Die Projektion: »Aufgehoben sein.« Sicherheit und Ruhe strahlt der Kapitän aus, der Kurs und Ziel kennt, der die Gemeinde in stürmischer Zeit in den Hafen segelt, so Kern.

Identifikation ist vorausgesetzt. Das heißt: »Er ist einer von uns, bürgernah, schwätzt so wie wir«. Wenn aber das Gesamtbild nicht stimmt, dann sieht es schlecht aus: »Die beste Verpackung nützt nichts, wenn die Fachkompetenz nicht stimmt. Ein Fachfremder muss deutlich machen, dass er diesen Mangel so schnell wie möglich ausgleicht.«

Kern empfiehlt pfiffige Kampagnen. Der schwäbische Bürgermeister-Wahlkampf sei deutlich offener geworden für neue Methoden. »Einen Quereinstieg würde ich immer gegen einen Amtsinhaber raten.« Bei Abwahlen von Amtsinhabern wies Kern in seiner Doktorarbeit einen statistisch signifikanten Trend zu Quereinsteigern nach.

Doch auch hier sieht Wahlkampfberater Hinderer die Konkurrenten vom Verwaltungsfach im Vorteil, auch wenn Quereinsteiger gegen angeschlagene Amtsinhaber schon eher ihre Chance haben. »Und zwar nicht, weil der Fachfremde ein toller Hecht, sondern weil der Abgewählte ein Versager ist. Da ist dann jeder besser als der.«

Hinderer plant seine Kampagnen in Schritten und mit Vorsicht. Und auch nach 14 Jahren und über 70 Kämpfen leidet der 59-jährige »wie ein Hund«, wenn einer seiner Kandidaten scheitert.

Eine Grundbotschaft

Werbemittel, Bilder, Texte stimmt Hinderer auf eine Grundbotschaft ab. Regierte in der anvisierten Gemeinde zum Beispiel ein bedächtiger Bürgermeister mit einer konfusen Verwaltung und einem chaotischen Gemeinderat, dann lautet sie: »Gemeinsam anpacken, konsequent durchziehen!« Dann versucht der Gomadinger, aus der Persönlichkeit seines Kandidaten das herauszukristallisieren, was seiner Meinung nach konkret passt. Der Kandidat muss authentisch bleiben: »Wir haben alle eine riesige Palette von Eigenschaften«, sagt Hinderer.

Das sei »wie bei einem Kleiderschrank: von der Trainingshose bis zum schwarzen Anzug. Es kommt nur darauf an, das richtige Gewand zum jeweiligen Anlass zu wählen.« So wie es darauf ankomme, das jeweils passende Gewand zu wählen, so soll sich der Kandidat auf Eigenschaften konzentrieren, die ihm am besten nützen, rät der Experte. (GEA)



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