Interview  - Der Bahn-Chef Rüdiger Grube über die Akzeptanz von S 21, den Streit, den Zeitverzug und Ronald Pofalla

»Stuttgart wird stolz auf Bahnhof sein«

DAS GESPRÄCH FÜHRTE GERD SCHNEIDER

STUTTGART. Bahnchef Rüdiger Grube glaubt, dass der Streit über das Bahnprojekt Stuttgart 21 bald vergessen sein wird, sobald der Bahnhof eröffnet ist. Im Gespräch mit dem GEA sagt Grube auch, dass der frühere Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, der jetzt Mitglied des Bahnvorstands ist, von April an den Lenkungsausschuss für Stuttgart 21 leiten wird.

Bahnchef Rüdiger Grube.
Bahnchef Rüdiger Grube. FOTO: dpa
GEA: Waren Sie als Hamburger zu Gast bei der Eröffnung der Elbphilharmonie?

Rüdiger Grube: Ich war dabei und war sehr beeindruckt.



Haben Sie an dem Abend auch an Stuttgart 21 gedacht?

Grube: In der Tat. Wir werden in Stuttgart etwas Ähnliches wie hier in Hamburg erleben, wenn in einigen Jahren alles fertig ist. Dann werden die Stuttgarter sehen, wie wunderbar ihr neuer Bahnhof ist, state of the art, wie man sagt. Wir geben Stuttgart die Fläche in der Größe von rund 130 Fußballfeldern zurück. Dadurch wachsen Schlossgarten und Rosensteinpark wieder zusammen. Angesichts dessen wird all das, was es da an Kritik an dem Projekt gab, rasch vergessen sein. Die Stuttgarter werden stolz auf ihren Bahnhof sein.



Ist das nicht ein bisschen zu optimistisch?

Grube: Ich erinnere mich an 1996, als ich von München zu Daimler nach Stuttgart gekommen bin. Da gab es den Spatenstich der neuen Messe am Flughafen. Man hat mir gesagt, dass es da Protestdemonstration mit über 30 000 Teilnehmern gab. Heute werden Sie keinen mehr finden, der sagt, der Messe-Neubau sei eine falsche Entscheidung gewesen. Oder nehmen Sie den Neubau der Bahnstrecke Stuttgart – Mannheim. An manchen Tagen haben 25 000 Menschen dagegen protestiert. Manche von denen sind heute diejenigen, die in Mannheim wohnen und in einer halben Stunde zu ihrer Arbeit nach Stuttgart fahren. Man muss die Meinung der Öffentlichkeit ernst nehmen, heute mehr denn je – aber man muss auch den Mut haben, solche Infrastruktur-Projekte, anzugehen, wenn eine Minderheit nicht begeistert ist. Andernfalls fügen wir dem Standort Deutschland großen Schaden zu. Die Mehrheit der Bevölkerung unterstützt Stuttgart 21.



Allerdings hat es einen weniger rühmlichen Grund, dass Stuttgart 21 oft in einem Atemzug mit der Elbphilharmonie genannt wird.

Grube: Und im gleichen Atemzug mit dem Berliner Hauptstadtflughafen, darauf spielen Sie doch an. Die Elbphilharmonie sollte 79 Millionen Euro kosten, am Ende war es mehr als das Zehnfache. Wenn das bei Stuttgart 21 so wäre, lägen wir bei Gesamtkosten von 30 bis 40 Milliarden. Das ist völlig unvorstellbar, und daher kann man es auch nicht miteinander vergleichen. Dass nun in Hamburg alle glücklich sind, lag vor allem am Regierenden Bürgermeister Olaf Scholz, der Ruhe in die Sache gebracht hat. Ganz anders als hier in Berlin, wo für BER ständig ein neuer Eröffnungstermin genannt wird, der dann nicht zu halten ist. Und in Stuttgart, davon bin ich überzeugt, werden wir schaffen, was wir uns vorgenommen haben – falls wir weiter keine großen Überraschungen erleben, vor denen man gerade bei so vielen Tunnelbauten nicht gefeit ist.



Stuttgart 21 wird nicht das Zehnfache der ursprünglich genannten Summe kosten, aber mit 6,5 Milliarden fast das Doppelte. Laut einer Schätzung des Bundesrechnungshofes, die im Herbst bekannt wurde, könnten die Kosten noch auf bis zu 10 Milliarden Euro steigen. Darauf kann man nicht stolz sein, oder?

Grube: Der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn hat zwei unabhängige Gutachter mit einer Prüfung unserer Kalkulation von 2013 in Höhe von 6,5 Milliarden Euro beauftragt. Beide Gutachter, die KPMG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft sowie Ernst Basler und Partner, haben unseren Finanzplan im Wesentlichen bestätigt.

Und was ist mit den Zahlen des Bundesrechnungshofs?

Grube: Der Bundesrechnungshof hat ganz anders gerechnet und Positionen miteinbezogen, die eindeutig außerhalb des Finanzierungsvertrags liegen, wie die Kosten für Bauzeitzinsen oder den Rückbau des Gleisfelds. Hier wurden Äpfel mit Birnen verglichen. Davon abgesehen kommt der Bundesrechnungshof bei den Bauzeitzinsen auf einen Betrag von über einer Milliarde. Das ist etwa fünfmal so hoch wie von uns berechnet. Insofern ist die Kalkulation des Bundesrechnungshofs in meinen Augen nicht schlüssig.
»Bei den Verträgen hätte ich schon gerne ein Wörtchen mitgeredet«
 

Sie halten die Berechnung des Bundesrechnungshofes nicht für seriös?

Grube: So weit würde ich nicht gehen. Ich fand es bedauerlich, dass wir durch die Medien mit den Zahlen des Bundesrechnungshofs konfrontiert wurden. Auch nach mehrmaligem Bitten habe ich keine Unterlagen dazu vom Bundesrechnungshof bekommen. Die zehn Milliarden standen plötzlich im Raum, und dann hat man uns medial getrieben. Das ist eine Art und Weise, die nicht meiner Vorstellung von Transparenz und Offenheit entspricht.



Es heißt, die Risiken lägen vor allem im Anhydrit-Aufkommen. Tunnelbauer fürchten diese porösen Gesteinsschichten, weil sie bei Feuchtigkeit aufquellen und eine zerstörerische Wirkung haben können.

Grube: Wir graben im Rahmen von S21 59 Kilometer Tunnel in Stuttgart, 40 Prozent davon haben wir bislang geschafft. Über 60 Prozent der relevanten Anhydritlinsen haben wir bislang ohne nennenswerte Hebungen durchfahren. Mit Professor Walter Wittke und seinem Team stehen die weltweit besten Experten auf diesem Gebiet an unserer Seite. Um sicherzugehen, haben wir dort, wo es Anhydrit gibt, zahlreiche Maßnahmen umgesetzt, unter anderem die Anpassung der Tunnelprofile.



Was auch für große Unruhe gesorgt hat, war eine Äußerung von Ihnen, wonach Sie Stuttgart 21 nicht erfunden hätten. Was hat es damit auf sich?

Grube: Selbstverständlich stehe ich hinter dem Projekt und habe immer dazu gestanden, ohne Wenn und Aber. Was ich unglücklich fand, und daraus habe ich nie einen Hehl gemacht, war der Zeitpunkt der Finanzierungsvereinbarung. Die Unterschrift erfolgte im Jahr 2009, nicht einmal vier Wochen, bevor ich als Vorstandschef bei der Bahn anfing. Da hätte man mich mit einbeziehen müssen. Bei der Ausgestaltung der Verträge hätte ich als künftiger Bahn-Chef schon gerne ein Wort mitgeredet.



Was hätten Sie denn geändert?

Grube: Als ich hier anfing, hat man mir Stuttgart 21 präsentiert und gesagt, das sei das bestkalkulierte Projekt, das es gibt. Dann hat sich rasch gezeigt, dass die ursprünglich kalkulierten drei Milliarden Euro hinten und vorne nicht reichen-



- und auch der Zeitplan wohl nicht einzuhalten ist.

Grube: Wir sind zwei Jahre im Verzug und versuchen nun mit aller Macht, das wieder aufzuholen. Aber wir haben die Kostensteigerungen und Verzögerungen bei Stuttgart 21 nicht deshalb, weil die Bahn so ein Projekt nicht realisieren könnte. Wir sind keine Anfänger: Wir bewältigen gegenwärtig über 3 000 Infrastrukturprojekte in Deutschland mit einem Gesamtvolumen von 95 Milliarden Euro. Stuttgart ist nicht einmal unser größtes Projekt, das ist die Bahnstrecke München – Berlin, die wir Ende dieses Jahres termin- und kostengerecht in Betrieb nehmen werden, mit zahlreichen Brücken und Tunneln. Und die, die uns lauthals kritisiert haben, sind doch mit dafür verantwortlich, dass es bei Stuttgart 21 zu den Verzögerungen kam. Wir hatten eine Schlichtung, den Stresstest eine Volksbefragung und den Filderdialog. Das hat viel Zeit gekostet. Aber ich will kein Öl ins Feuer gießen. Wir arbeiten mit der Stadt, dem Land und den anderen Projektpartnern jetzt gut zusammen und da freut es mich schon, wenn der Oberbürgermeister sagt, das Projekt sei gut für die Stadt und die Bahn solle sich beeilen und schauen, dass sie fertig wird.



Wie passt es dann dazu, dass die Bahn die Projektpartner verklagt, um deren Beteiligung an den Mehrkosten einzutreiben?

Grube: Wir alle haben den Finanzierungsvertrag unterzeichnet, und in dem steht die sogenannte Sprechklausel. Das heißt, bei Kostensteigerungen müssen sich die Partner an einen Tisch setzen und über die Aufteilung des zusätzlichen Finanzbedarfs sprechen.
»Ronald Pofalla wird ab April den Lenkungskreis von S21 leiten«
 

Ministerpräsident Kretschmann und der Stuttgarter OB Kuhn sagen bei jeder Gelegenheit, dass sie nicht mehr als vereinbart bezahlen werden.

Grube: Deshalb wird das nun juristisch geklärt. Uns blieb nichts anderes übrig, als Klage einzureichen. Andernfalls wären unsere Rechte und Ansprüche verjährt. Die Projektpartner und wir gehen professionell damit um. Gerade mit Herrn Kretschmann habe ich ein sehr gutes Verhältnis, und das wird auch so bleiben.



Im vergangenen Frühjahr verlor die Bahn die Ausschreibung um den Stuttgarter Nahverkehr ab 2019 an die privaten Konkurrenten Abellio und Go-ahead, wegen eines Formfehlers. Da geht es um ein Volumen von 2,7 Milliarden Euro. Haben Sie das schon verwunden?

Grube: Das war ein schwerer Schlag für uns, das sage ich unumwunden. Das Land Baden-Württemberg meinte, unser Tochterunternehmen DB Regio habe die Angebotspreise anders kalkuliert als vorgegeben und uns vom Verfahren ausgeschlossen. Dabei war unser Angebot finanziell das beste. Den Schuh müssen wir uns anziehen. Das hat hier richtig Ärger und auch personelle Veränderungen gegeben.



Der frühere Kanzleramtsminister Ronald Pofalla ist seit 1. Januar Bahn-Vorstand und als Nachfolger von Volker Kefer auch für die Infrastruktur zuständig. Was bedeutet das für Stuttgart 21?

Grube: Ronald Pofalla übernimmt damit auch die Zuständigkeit für Stuttgart 21. Er wird von April an den Lenkungskreis leiten. (GEA)

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