Politik
Verfolgung - Koptische Christen in Ägypten leben in Angst und Verunsicherung. Der Exodus hat bereits begonnen

»Nicht länger wegsehen«

VON JÜRGEN RAHMIG

STUTTGART/REUTLINGEN. Die Kopten in Ägypten leben in Angst. Gleichzeitig aber hätten die Christen in Ägypten immer auch noch Hoffnung, sagt der Priester der koptisch-orthodoxen Kirche St. Georg in Stuttgart, Johannes Ghali. Das mag damit zusammenhängen, dass sie sich schon seit 2 000 Jahren im Nildelta behaupten. Acht von 80 Millionen Ägyptern sind koptische Christen.

Was hat ihnen der arabische Frühling gebracht? Bis jetzt vor allem enttäuschte Hoffnungen. Auch viele Kopten träumten vor einem Jahr von einem besseren Ägypten. Doch die Wende ist ausgeblieben. Im Gegenteil. Der Ausgang der ägyptischen Parlamentswahlen, bei denen die islamistischen Parteien, darunter die Muslimbrüder und die radikalen Salafisten, über 70 Prozent der Stimmen erhielten, sorgt für große Verunsicherung.



Der Sieg der muslimischen Parteien kam nicht überraschend. Eine Überraschung war allerdings, wie schlecht die gemäßigten und liberalen Parteien abgeschnitten haben. Besonders frustrierend ist das Abschneiden der Facebook-Jugend mit nur sieben Mandaten im 498 Sitze umfassenden Parlament. Dabei waren sie es, die den ägyptischen Präsidenten Mubarak letztlich gestürzt hatten.

Fritz Seel, der Diakon der koptisch-orthodoxen Kirche Baden-Württemberg, und die Internationale Gemeinschaft für Menschenrechte (IGFM) berichten in Stuttgart, dass Christen in Ägypten daran gehindert wurden, zur Wahl zu gehen und dass Häuser von jenen, die es taten, in Brand gesteckt worden seien. Nach Angaben des Generalbischofs der Kopten für Deutschland, Anba Damian, hätten manche Wähler bei ihrer Ankunft im Wahlbüro schon eine Unterschrift auf der Wählerliste vorgefunden. Armen seien für Brot, Lebensmittel oder Gasflaschen Stimmen abgekauft worden, sagt Seel. Viele Ägypter sind Analphabeten. Sie sollten auf Wahlzetteln daher Symbole für Parteien ankreuzen. Manche Wahlhelfer hätten einfach ein Symbol angekreuzt oder ihnen gezeigt, welches Symbol sie ankreuzen sollten. Sie selber wussten überhaupt nicht, wen sie damit wählten.

Benachteiligungen und Nötigungen gab es schon früher in Ägypten. Daran habe sich auch nichts geändert. Der Ägypter Ghali ist Oberhaupt der Koptischen Kirche Baden-Württembergs in Stuttgart. Ghali und Seel listen zahlreiche Übergriffe, Repressalien und Bedrohungen auf. Und sie sprechen von den Pogromen der vergangenen Wochen und Monate. Fanatische Ausschreitungen haben zuletzt Dutzende von Todesopfern und noch mehr Verletzte auf koptischer Seite gefordert. Die Verfolgung ist vielfältig. So seien junge Koptenfrauen einfach verschwunden. Es gab auch den Fall, dass einer unverschleierten Christin die Haare angezündet wurden. Polizei oder Feuerwehr seien untätig bei Brandattacken oder Angriffen auf Christen oder christliche Einrichtungen.

Manipulationen und Drohungen

Die Kopten der St. Georgsgemeinde appellieren an die deutsche Regierung, »nicht länger wegzusehen«. Deutschland habe seine Möglichkeiten zur Einflussnahme noch bei Weitem nicht ausgeschöpft. Sie fordern, staatliche Hilfen an die Gewährleistung der freien Religionsausübung und die Beachtung der Menschenrechte in Ägypten zu koppeln.

Muslime und Christen kämpften bei den revolutionären Ereignissen im vergangenen Jahr Seite an Seite für Freiheit und Demokratie. Doch inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Seel spricht von einer derzeit unübersichtlichen Lage in Ägypten und Ghali sagt, es sei unklar, ob es besser oder schlimmer werde. Hoffnungen ruhen auf dem interreligiösen Dialog des katholischen Bischofs Boutros Fahim, einem Mitglied des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog, der für die Gespräche mit der Al Azhar-Universität in Kairo zuständig ist.

Militärrat und Muslimbrüder

Rund 100 000 Kopten seien bereits nach Kanada, in die USA oder nach Europa geflohen. Viele andere warten erst einmal ab, sitzen aber schon auf gepackten Koffern. Die Christen am Nil sind zunächst einmal eindeutige Verlierer des arabischen Frühlings. Die Frage ist allerdings: Können es sich die Muslimbrüder leisten, angesichts der enormen Probleme, die sie in den nächsten Jahren zu bewältigen haben, auf die Mitarbeit einer so großen Minderheit wie der koptischen Christen einfach zu verzichten? Sie müssten ein gesamtgesellschaftliches Konzept entwerfen, das alle Menschen anspricht und ihnen Verbesserungen in Aussicht stellt. Bleiben diese aus, könnte es sein, dass Ägypten eine weitere Revolution erlebt oder in einer neuen Militärdiktatur endet.

Das Verhalten des mächtigen Militärrats ist zwiespältig. Schuldige von Angriffen auf Kirchen oder Häusern und vor allem der Morde an Kopten wurden bislang nicht zur Verantwortung gezogen, sagt die IGFM. Die eigentliche Auseinandersetzung zwischen Militärrat und Muslimbrüdern steht noch aus. Oder sie arrangieren sich zunächst einmal. Auf den Muslimbrüdern ruhen derzeit viele Hoffnungen. Die von Hassan al-Banna gegründete sunnitisch-radikale Bruderschaft hat im Laufe der vergangenen 80 Jahre zahlreiche Wandlungen und Abspaltungen erlebt und war gleichfalls Verfolgungen ausgesetzt. Ihre politischen Köpfe haben dazugelernt. Wie viel, muss sich nun zeigen. Die Muslimbrüder sprechen von Toleranz und Mäßigung. Doch allein können sie nicht regieren. Wen sie als Koalitionspartner mit in die Regierung nehmen, wird entscheidend für Ägypten werden. (GEA)



Seite versenden
 

Das könnte Sie auch interessieren
Regionen

Wählen Sie Ihre Region

Karte mit einzelnen Regionen Tübingen Reutlingen Pfullingen Eningen Lichtenstein Über der Alb Neckar und Erms

«Wenn zwei miteinander zicken, dann...

So, das wäre geklärt. Dann kann man auch wieder zusammen lachen. Foto: Judith Pulg

Hmm, da läuft was nicht so, wie du es willst? Dein... mehr»

Zickenkrieg - nur für Mädchen?

Bei Jungs klingt das Rumzicken oft etwas anders. Foto: Judith Pulg

Mädchen sind Zicken, Jungs nicht - das stimmt nich... mehr»

Ärger einfach direkt sagen

Nicht platzen! Sag doch, was dich stört. Foto: Judith Pulg

Wie gehe ich denn am besten damit um, wenn eine Fr... mehr»

Die Zicken-Checkliste

Dicke Luft? Was ist denn das wirkliche Problem? Foto: Judith Pulg

Du bist oft zickig und das nervt dich selbst? Dann... mehr»

Wütende Fans pfeifen Arjen Robben aus

Oje, das war nicht besonders fair von den Zuschauern. Arjen Robben hatte es nicht leicht. Foto: Tobias Hase

Buh-Rufe und Pfiffe hallen durch das riesige Stadi... mehr»

Bundesregierung

Kampf gegen Ärztepfusch

Tausende Patienten sterben jedes Jahr wegen Ärztefehlern. Foto: Uwe Zucchi
Vor der Verabschiedung eines neuen Gesetzes für stärkere Patientenrechte haben Patientenschützer und Bundesregierung zu mehr Wachsamkeit gegenüber Ärztefehlern aufgefordert.
lesen »
Sex-Partys mit Strauss-Kahn

Ermittlungen wegen Gruppenvergewaltigung

Wegen bandenmäßiger Zuhälterei läuft bereits ein Anklageverfahren gegen Dominique Strauss-Kahn. Foto: Andrew Gombert/Archiv
Der frühere IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn muss nun auch ein Anklageverfahren wegen gemeinschaftlicher Vergewaltigung fürchten.
lesen »
Internet

Facebook-Börsengang wird zum Rekordflop

Monatelange hatten Anleger dem Börsengang von Facebook entgegengefiebert, doch statt eines guten Geschäfts gab es ein Desaster: Die Aktie hat in wenigen Tagen fast ein Fünftel ihres Werts verloren. Foto: Emily Wabitsch
Der Kurs ist am dritten Handelstag weiter um annähernd 9 Prozent auf 31 Dollar eingebrochen. Ein Anleger, der zum Ausgabepreis von 38 Dollar gekauft hatte, verlor somit zum Ende des Handels 18 Prozent seines Geldes.
lesen »
Film

Brad Pitt ohne Angelina Jolie in Cannes

Cool, cooler, Brad Pitt. Foto: Guillaume Horcajuelo
Die Liste der Cannes-Stars auf dem Festival ist lang. Einer aber versetzte die Fotografen, Journalisten und Autogrammjäger wieder in fast hysterische Aufregung: Brad Pitt.
lesen »