Politik
INTERVIEW - Islamkritikerin Necla Kelek über eine Religion, die für sie vor allem eine autoritäre Ideologie darstellt

»Mit Toleranz wird gar nichts gut«

REUTLINGEN. Diese Frau polarisiert. Die einen bewundern die preisgekrönte Soziologin und Buchautorin Necla Kelek als mutige Islamkritikerin, die den mangelnden Integrationswillen vieler Muslime endlich beim Namen nennt. Die anderen verurteilen die 53-Jährige als Hass-predigerin, die Muslime zwangsmodernisieren wolle. Auf Einladung des Inner Wheel Clubs Reutlingen-Tübingen referierte die deutsch-türkische Wissenschaftlerin im Hotel Fortuna zum Thema. Zuvor stellte sie sich den Fragen von GEA-Redakteurin Bettina Jehne.

GEA: Frau Dr. Kelek, haben wir in Deutschland eine falsche Vorstellung von dem, was »Islam« ist?



Necla Kelek: Ja. Wir denken immer, Islam sei wie Christentum. Einfach ein Glaube - Spiritualität. Aber Islam ist viel mehr: nämlich Kultur und politische Ideologie. Diese Ideologie deckt das Leben und den Alltag eines muslimischen Menschen komplett ab, gibt Werte vor und ganz konkrete Praxisanleitungen.

Was ist so schlimm daran?

Kelek: Der Islam ist eine autoritäre Ideologie. Er diskriminiert Frauen - der mangelnde Respekt und die Unterdrückung der Frau ist in dieser politischen Idee verankert. Der Islam teilt die Gesellschaft in Männer und Frauen. Nach seinem Weltbild können beide nicht zusammenleben, weil der Mensch nicht dazu in der Lage ist, seine Sexualtriebe zu beherrschen. Der Islam lässt keine Religionsfreiheit zu. Der Einzelne ist zwar frei darin, wie oft er zum Beispiel betet, aber es gibt nicht die Freiheit, den Islam an sich in Frage zu stellen oder Gottes Gesetze oder den Koran. Aus dem Islam kann man auch nicht austreten.

»Mit islamischen Verbänden ist keine Demokratie zu machen«
 
Müssen wir uns fürchten?

Kelek: Wenn der politische Islam keine Grenzen gesetzt bekommt, sehe ich schon eine Gefahr. Der Islam ist als politische Bewegung unterwegs und missioniert die ganze Welt. Ganz Afrika ist mittlerweile islamisiert. Ich kenne kein einziges islamisches Land, das es geschafft hat, ein Rechtsstaat zu sein.

Es gibt Religionswissenschaftler, die daran erinnern, dass die Christen in der Vergangenheit auch nicht zimperlich waren, Stichwort Kreuzzüge.

Kelek: Der Unterschied ist, dass sich die Christen in einem langen Prozess von der Kontrolle des Klerus befreit haben. Eine Demokratie ist entstanden. Die katholische Kirche wird gerade in diesen Tagen massiv wegen der Missbrauchsfälle kritisiert. Diese Möglichkeit möchte ich auch für andere Religionen haben.

Sie sprechen oft von einer »falschen Toleranz«. Was meinen Sie konkret?

Kelek: Wir sehen in Deutschland zu wenig hin. Wir glauben, dass wir mit unserem Sozial- und Rechtsstaat einen Rahmen bieten für Religionsfreiheit und damit für Frieden. Und übersehen, dass es Gruppierungen gibt, die diese unendliche Freiheit des Einzelnen oder gar die Freiheit der Frau gar nicht wollen. Weil sie sich von ihrer Religion her als Kollektiv verstehen, das für die soziale Kontrolle von außen sorgt. Die Vorstellung, dass der Einzelne Verantwortung für sich trägt und sich selbst kontrolliert, existiert in islamischen Wertvorstellungen nicht.

Nur 20 Prozent der Muslime sind in Verbänden organisiert. Diese stehen in Deutschland aber als deren politische Sprecher - etwa in der Islamkonferenz, der Sie drei Jahre lang angehörten. Sie haben keine gute Meinung von den Verbänden.

Kelek: Die islamischen Verbände halten alle an der sozialen Kontrolle der Muslime fest. Für mich sind alle orthodox, bis auf die Alewiten. Ich unterstelle allen, dass sie nur an der Konferenz teilnehmen wollten, um sich ihr Recht als »Körperschaft des öffentlichen Rechts« abzuholen. Damit könnten sie überall Einfluss nehmen, etwa in Stiftungen oder im Medienrat. Sie wollen die gleichen Rechte wie die christlichen Kirchen. Aber sie haben diese Rechte nicht bekommen. Für mich ist die Islamkonferenz »erfolgreich gescheitert«. Meine Meinung ist ganz klar: Mit den islamischen Verbänden ist keine Demokratie zu machen.

Sie wurden nicht mehr zur Islamkonferenz eingeladen. Hat das Gründe?

Kelek: Ich habe sehr unangenehme Fragen gestellt, die die Verbände verärgert haben. Die Verbände wollten diskutieren, »wie« sie ihre Religion ausüben können. Mir geht es aber um das »was«. Was vertreten die Verbände? Was vermitteln sie in den Moscheen? Und wie finanzieren sie sich? Die Verbände sprechen von »Spenden«. Dann frage ich nach: Wer ist denn der edle Spender? Die Kölner Moschee etwa soll 25 Millionen Euro kosten. Wir haben aber fast 40 Prozent Hartz-IV-Empfänger unter den Muslimen. Wie können die so viel Geld aufbringen? Und: Wenn es so viele Integrationsdefizite gibt - muss man da unbedingt prachtvollste Moscheen bauen?

Ihre Meinung zum Kopftuch?

Kelek: Kopftuch, Moscheen, Bärte, Koranschulen, nicht am Schwimmunterricht teilnehmen - für mich gehört das alles zusammen. Eine Frau, die Kopftuch trägt, ist für mich Ideologieträgerin. Ich frage Kopftuchträgerinnen auch ganz direkt: Ist dir bewusst, dass du ein System mitträgst, das nicht demokratisch ist?

In führenden deutschen Tageszeitungen wurden Sie als Hasspredigerin bezeichnet. Verletzt Sie das?

Kelek: Nein. Meine Kritiker haben einen anderen Toleranzbegriff als ich. Sie wollen vieles dem Zufall überlassen und hoffen, dass mit viel Toleranz alles gut wird. Daran glaube ich nicht.

In den Niederlanden müssen Islamkritiker um ihr Leben fürchten. Wurden Sie schon bedroht?

Kelek: Nein. Der Unterschied zwischen Deutschland und den Niederlanden ist, dass in den Niederlanden viele arabische Muslime leben. Die arabischen Länder haben noch keine Erfahrung mit einer säkularen Gesellschaft, also mit der Trennung zwischen Religion und Staat, so wie es die Türken wenigstens durch Kemal Atatürk hatten.

Sehen Sie auch Positives im Miteinander von Deutschen und Migranten?

Kelek: Für mich ist Deutschland eines der großartigsten Länder der Welt. Nirgendwo sonst werden dem Einzelnen so viele Chancen geboten. Und wenn Eltern kein Geld haben, gibt der Staat Geld. Migranten können alles nutzen. Aber ich habe den Eindruck, dass viele Muslime ihre Chance nicht ausreichend wahrnehmen. Anders als etwa Vietnamesen - in Brandenburg sind 70 Prozent ihrer Kinder auf dem Gymnasium. Ich warne vor der Einstellung, das Scheitern der Muslime auf soziale Gründe zurückzuführen. Nicht weil viele Muslime arm sind, sind sie nicht integriert. Nein, der wahre Grund ist die Kulturdifferenz. (GEA)



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