INTERVIEW - Der katholische Theologe Bernd Jochen Hilberath über die katholischen Lehren zu Ehe und Sexualität

»Liebe ist ein wesentliches Gut«

DAS GESPRÄCH FÜHRTE EMANUEL K. SCHÜRER

TÜBINGEN. Katholiken nehmen ihre eigene Kirche nicht mehr ernst. Verlautbarungen zu Ehe, Familie und Sexualität werden ignoriert. Das hat jüngst die von Papst Franziskus angestoßene Umfrage bestätigt. Kirchliche Lehren zu vorehelichem Geschlechtsverkehr, Homosexualität, zu wiederverheirateten Geschiedenen und zur Geburtenregelung finden kaum Akzeptanz oder werden ausdrücklich abgelehnt. Das stellte die Deutsche Bischofskonferenz hochoffiziell fest. Der Theologie-Professor Bernd Jochen Hilberath hat es schon vor einem Jahr geahnt:

Deutsche Bischöfe bei einer ihrer Konferenzen: Ihre Lehren zu Ehe, Familie und Sexualität gelten als weltfremd. ARCHIVFOTO: DPA
Deutsche Bischöfe bei einer ihrer Konferenzen: Ihre Lehren zu Ehe, Familie und Sexualität gelten als weltfremd. FOTO: dpa
»Ich hätte den Wunsch, dass sich die Kirche zu Sexualität ein paar Jahre gar nicht mehr äußert«, sagte der Nachfolger des späteren Kurienkardinals Walter Kasper auf dem Tübinger Dogmatik-Lehrstuhl. Er plädiert im Gespräch mit dem GEA für mehr Nächstenliebe und Lebensnähe der Kirche.

GEA: Sind sie erstaunt über das Ergebnis der jüngsten Umfrage unter den Katholiken, der zufolge kaum ein Gläubiger den Lehren der Kirche in Sachen Ehe, Familie und Sexualität mehr folgen mag?

Bernd Jochen Hilberath: Das wundert mich überhaupt nicht. Spätestens seit der Enzyklika »Humanae vitae« von 1968 mit ihrem Verbot künstlicher Empfängnisverhütung ist die Akzeptanz der kirchlichen Lehren in diesen Fragen zurückgegangen. Die Menschen wollten sich da nicht mehr gegen ihre eigene Erfahrung reinreden lassen. Es wäre manchmal sicher besser gewesen, die Kirchenoberen hätten nichts gesagt. Nachdem »Humanae vitae« damals erschienen war, ging es in den Gesprächen oft auch gar nicht mehr um den Inhalt, sondern um die Frage: »Bist du für oder gegen den Papst?« Damals stand die Empfängnisverhütung im Mittelpunkt, heute ist es eher die Homosexualität.

»Zölibatär lebende oder leben sollende Kleriker treffen Entscheidungen«
 

Die kirchlichen Verlautbarungen in Fragen der Sexualität wirken seltsam weltfremd. Woher kommt das?

Hilberath: Dahinter steckt auch ein psychologisches Problem, wie nämlich jemand mit seiner Sexualität umgeht. Es ist ein typisches römisches Problem, dass da zölibatär lebende oder leben sollende Kleriker Entscheidungen in solchen Fragen treffen. Die Frage ist: Werden Erfahrungen der Gläubigen als bedeutsam erachtet oder entscheidet ein Bischof, was richtig ist? Ich denke, Menschen mit Erfahrung sollten als Beraterinnen und Berater stärker beigezogen werden. Bei den kirchlichen Entscheidungen spielten bislang Aspekte der Autorität (»Wir können doch nicht anders entscheiden als unsere Vorgänger«) oder das Bild der Kirchenoberen von Sexualität, Ehe und Familie oft eine bestimmende Rolle.

Wie kann man die christlichen Vorstellungen von Ehe, Familie und Sexualität begründen?

Hilberath: Das oberste Gebot im Christentum ist das der Selbst- und Nächstenliebe als ein Ausdruck der Liebe zu Gott. Das eigene Wohl und das des Nächsten stehen ganz oben. Was das aber nun konkret heißt, ist historisch und kulturell bedingt. Man muss also fragen: Was entspricht dem Gebot der Selbst- und Nächstenliebe in der heutigen Zeit?

Wie sieht derzeit die katholische Lehre in Bezug auf Empfängnisverhütung aus? Wie kam es dazu, und was könnte sich ändern?

Hilberath: In der Bibel steht zur Empfängnisverhütung direkt nichts. Es gibt aber die Geschichte von Onan, der seinen Samen nicht in den Schoß einer Frau, sondern auf den Boden fallen ließ und damit Nachwuchs verhindert hat. Die Pointe dieser Erzählung ist also die Verhinderung der Zukunft des Volkes, nicht die Masturbation (»Onanie«). Lange bestimmte ein einseitiges Bild die kirchliche Ehelehre: Die sexuelle Verbindung in der Ehe dient ausschließlich der Fortpflanzung. Erst das Zweite Vatikanische Konzil hat festgestellt, dass die Liebe der Gatten ein wesentliches Gut ist. Zu deren Wohl gehört auch eine menschlich gestaltete Sexualität.

»Am Ende ist seelsorgerliches Bemühen immer wichtiger als stures Festhalten an einer Lehre«
 

Es gibt viele Gründe, warum Menschen nicht unbedenklich Kinder zeugen können. Es gehört zur Verantwortung der Eheleute zu entscheiden, wie sie die verschiedenen Güter der Ehe in Einklang bringen. Die Kirche kann motivieren, helfen und unterstützen. Am Ende ist seelsorgerliches Bemühen immer wichtiger als stures Festhalten an einer Lehre.

Was sagen Sie zum Verbot des vorehelichen Geschlechtsverkehrs?

Hilberath: Das erklärt sich aus der verengten Sicht, die Ehe sei nur für die Nachwuchserzeugung da. Der Gedanke, dass der Sex auch für die Partner einen Wert hat, bleibt außen vor. Da bleibt die bis heute offiziell vorgetragene Lehre hinter dem Zweiten Vatikanischen Konzil zurück. Es gibt zwar auch einen unverantwortlichen Umgang mit Sex. Aber, nur weil etwas missbraucht werden kann, sollte man es nicht generell verbieten. Viele Seelsorger berichten auch, dass es besser ist, Erfahrung zu sammeln, als sich nach drei Jahren Ehe dann scheiden zu lassen.

Sehr umstritten zwischen Katholiken und ihrer Kirche ist auch der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, die von der Kommunion ausgeschlossen werden.

Hilberath: Für die Menschen selbst ist das kaum mehr ein Problem. Aber es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit der Kirchenführer. Unter leitenden Menschen in der Kurie oder unter Bischöfen herrscht die Sorge, sich nur ja nicht dem Zeitgeist anzupassen. Deshalb bleiben sie in einer Gegenabhängigkeit: Je unverständlicher die Gesellschaft reagiert, umso defensiver reagieren sie ihrerseits.

Die Fälle der wiederverheirateten Geschiedenen sind ja nicht alle gleich. Man sollte den Menschen helfen. Die meisten wollten ja ein Leben lang zusammenbleiben und scheitern dann. Man muss da die Realität sehen, die vom Idealgebot der Unauflöslichkeit der Ehe abweicht. Die Bischöfe täten gut daran, die Seelsorger über die einzelnen Fälle entscheiden zu lassen. Sonst geht die Schere zwischen Lehre und gelebter Realität immer weiter auseinander.

Auch die kirchliche Ablehnung der Homosexualität ist bei den Gläubigen eher auf Ablehnung gestoßen.

Hilberath: Da braucht die Kirche wohl Zeit, um sich von traditionellen Vorurteilen, die ja auch in der Gesellschaft noch nicht völlig überwunden sind, freizumachen. Hier sollte sie eher positiv gestaltend mitwirken. Schätzungen zufolge ist übrigens möglicherweise ein Drittel der katholischen Priester homosexuell.

»Es gibt gute Ansätze, aber auch Gegenkräfte in der Kurie«
 

Das führt uns zu einem weiteren höchst umstrittenen Punkt, dem Zölibat, also der vorgeschriebenen Ehelosigkeit katholischer Priester.

Hilberath: Die meisten Priester sind damit eher überfordert, als dass es ihrer Person hilft. Würden sie den Zölibat ausschließlich als Nichtverheiratetsein verstehen und in hetero- oder homosexuellen Beziehungen leben, würde es ihrer Glaubwürdigkeit schaden. Die Ehelosigkeit wurde aus dem Klosterleben in die Weltkirche übernommen. Der Zölibat als verpflichtende Lebensform der Priester ist nicht biblisch begründet, die Verpflichtung ist kein unabänderliches Dogma, sondern ein Kirchengesetz, das aufgehoben werden kann.

Tatsächlich gibt es ja schon verheiratete Priester, die aus anderen Kirchen zum Katholizismus konvertiert sind. Eine Änderung beim Zölibat ist aus theologischen Gründen an der Zeit; sie könnte auch dazu führen, dass wieder mehr Männer Priester werden. Der Priestermangel ist übrigens kein speziell deutsches oder europäisches Problem, wie oft behauptet wird. Priestermangel gibt es heutzutage überall. Selbst in Polen, Indien oder auf den Philippinen geht die Zahl der Kandidaten zurück.

Gibt es Ihrer Einschätzung nach Chancen, dass sich in der katholischen Kirche unter Papst Franziskus in diesen und anderen Fragen bald etwas ändert?

Hilberath: Es weht im Vatikan jetzt ein neuer Wind, es gibt neue Töne, neue Gesten. Papst Franziskus hat eigentlich eine uralte, biblische Einstellung. Es ist neu für einen katholischen Würdenträger, dass er auf den Heiligen Geist vertraut. Er will die Erneuerung der Kirche auch durch eine neue Einstellung der Priester. Ich bin gespannt, was jetzt beispielsweise in Sachen Kurienreform folgt oder bei der Verwirklichung von Konzils-Ideen, wie der stärkeren Mitverantwortung von Laien. Was heißt die viel zitierte Barmherzigkeit des Papstes für wiederverheiratete Geschiedene oder die Zölibatsverpflichtung? Da sind die Signale aus dem Vatikan nicht ganz eindeutig. Es gibt gute Ansätze, aber auch Gegenkräfte in der Kurie.

Was wäre die Folge, wenn es bei Gesten bliebe?

Hilberath: Das wäre ein Desaster für die Kirche, wenn da nichts gelänge. Es gäbe dann so eine Art Obama-Effekt. Der US-Präsident ist ja auch als großer Hoffnungsträger gestartet und hat die vielen Hoffnungen dann kaum erfüllen können. Die katholische Kirche wäre dann in Gefahr, dass sie zur Sekte würde. (GEA)

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