Politik
INTERVIEW - Der Atomstreit mit dem Iran spitzt sich zu. Israels Ex-Botschafter Schimon Stein zeigt sich wenig optimistisch

»Ali Chamenei zur Entscheidung zwingen«

MÜNCHEN. Der Druck auf den Iran steigt. Das syrische Beispiel zeigt aber, dass die politischen Mittel letztlich begrenzt sind. In Diskussionen ist derzeit die Rede von den Sanktionen, dem verbleibenden Zeitfenster und einem finalen Befehl zum Bau der Bombe. Darüber sprach GEA-Redakteur Jürgen Rahmig auf der Münchner Sicherheitskonferenz mit dem früheren Botschafter Israels in Deutschland, Schimon Stein.

Ex-Botschafter Israels Shimon Stein
Ex-Botschafter Israels Shimon Stein FOTO: dpa
GEA: Die Iranfrage spitzt sich zu. Was muss getan werden, um eine Lösung herbeizuführen?

Schimon Stein: Wenn man auf Sanktionen setzt, dann sollten das die härtesten sein. Die bisherigen Sanktionen haben nicht ausgereicht, um den Iran zu einer Grundsatzentscheidung zu führen. Der Sinn der gegenwärtigen Sanktionen - und wir meinen, sie müssten noch härter sein - ist es, den Iran zu einem Paradigmenwechsel zu bewegen.



Was wären denn die härtesten Sanktionen, die sie gerne hätten?

Stein: Sie müssen schnell sein und den Öl- und den Bankenbereich betreffen. Das Geld muss eingefroren, die Konten gesperrt werden. Man muss jetzt handeln, damit der Iran weiß, wenn er den Weg zur nuklearen Bewaffnung weitergeht, muss er mit Krieg rechnen.

Läuft die Zeit davon?

Stein: Auch die Zeit der Sanktionen ist begrenzt. Israels Verteidigungsminister Barak hat sich bereits positioniert und von einer Zone der Immunität gesprochen. Das heißt, auch die militärische Option hat nur ein Zeitfenster. Wenn der Iran seine Maßnahmen vollendet (Anm.: zur Verbunkerung der Urananreicherungsanlagen in den Bergen bei Qom, wo sie kaum noch zu zerstören wären), dann sind auch die Vorteile einer militärischen Option nur noch begrenzt.

Wie groß ist dieses zeitliche Fenster ihrer Meinung nach?

Stein: Die kommenden Monate sind entscheidend. Es kommt darauf an alles zu tun, um den Iran zur Entscheidung und zu ernsthaften Verhandlungen zu zwingen. Aber so weit sind die Iraner noch nicht. Sie haben noch nicht die nötige Reife zu ernsthaften Verhandlungen.

Aber was das angeht, sind sie optimistisch?

Stein: Ich persönlich bin nicht optimistisch. Der Iran hat in den vergangenen Jahren nicht genug Druck verspürt und immer auf Zeit gespielt. Er fand aber auch keine einheitliche Front gegen sich vor. Russland, China und Indien scheinen von der Notwendigkeit noch nicht überzeugt. Diese Spaltung der internationalen Gemeinschaft benutzt der Iran sehr geschickt für seine Zwecke.

Erneut Zeitspiel?

Stein: Jetzt werden sie sehen, dass der Iran unter dem gewachsenen Druck die Bereitschaft zu Verhandlungen signalisiert. Dann wird man versuchen zu klären, worüber man verhandeln wird - und es wird erneut Zeit vergehen.

Wie bisher schon ...

Stein: Momentan ist nicht mehr die Frage, ob der Iran in der Lage ist, Nuklearwaffen herzustellen.

Natürlich, er wird die Bombe schon bald herstellen können ...

Stein: Nein, nein, sie haben bereits alle Komponenten - auch das Material.

Worum geht es dann jetzt noch?

Stein: Jetzt muss Ali Chamenei (Anm.: der religiöse und politische Führer des Iran) eine politische Entscheidung treffen. Von diesem Moment an, wo die politische Entscheidung getroffen ist, rechnen unsere Experten mit einem Jahr, bis der Iran endgültig in der Lage ist, Nuklearwaffen herzustellen. Was fehlt, ist also die politische Entscheidung im Sinne von: Wir gehen voran. Diese Entscheidung ist noch nicht gefallen. Deshalb kommt es darauf an, Teheran zu zwingen, eine Entscheidung zu treffen. Das erwarten wir in den nächsten Monaten.

Also setzt man auf Chamenei ...?

Stein: Er ist offenbar derjenige, der die politische Entscheidung treffen soll. Nicht Ahmadinedschad, sondern Chamenei. (GEA)

Shimon Stein


Shimon Stein, geboren 1948 in Palästina im Jahr der israelischen Staatsgründung. Er studierte Moderne Geschichte an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Stein trat 1974 in den diplomatischen Dienst ein. Von 1980 bis 1985 war er erstmals längerfristig in Deutschland tätig - als Botschaftsrat für politische Angelegenheiten in der israelischen Botschaft in Bonn. Danach durchlief er unterschiedlichste Stationen im Außenministerium und im In- und Ausland. Von 2001 bis 2007 war er israelischer Botschafter in Deutschland. (jr)

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