Festival - Neue Musik satt beim »Sommer in Stuttgart«

Zurück zum alten Wort

VON MARTIN BERNKLAU

STUTTGART. Zweiter Abend des viertägigen Festivals »Der Sommer in Stuttgart«, wo im Theaterhaus auf dem Pragsattel der Verein »Musik der Jahrhunderte« die Schöpfer, die Gestalter und die Freunde Neuer Musik um sich schart: Das Hausensemble Neue Vocalsolisten gibt als Konzert-Szenen die Uraufführungen von zwei jüngeren italienischen, aber exemplarisch europäischen Avantgarde-Komponisten – bei allem Multimedialen und aller Grenzgängerei auch in ihrem Traditionsbewusstsein.

Valerio Sannicandro heißt der eine, 1971 in Apulien geboren, von den Komponisten York Höller und Hans Zender und dem Dirigenten Péter Eötvös vornehmlich In Deutschland geprägt, aber zurzeit am Centre Pompidou in Paris künstlerisch und mit Forschungen zu Klang und Raum zu Hause.

Bratschenklage überm Abgrund

»Finesterrae« für fünf Stimmen, Viola und Live-Elektronik leitet Vocalsolisten-Bassist Andreas Fischer; der irischstämmige Londoner Solist Garth Knox steht auf einem mittigen Podest und hat drei Violen mitgebracht: eine verstärkte, ein E-Instrument und eine präparierte sechssaitige Viola d‘Amore mit ihren Resonanzsaiten. Vier Köpfe des SWR-Experimentalstudios besorgen an Mischpulten eine Elektronik, die sich mehr Hall-, Echo- und Raumverteilungs-Effekten widmet als zusätzlichen Klängen und Geräuschen.

Die Suite in verschiedenen räumlichen und klanglichen Dispositionen der Sänger, Sprecher und Stimmkünstler, der Elektroniker und des Bratschers kreist um die Begriffe Klage, Erde, Abgrund, Tod und Gebet des mönchischen Dichterphilosophen Tommaso Campanella. Sein utopisches Werk eines katholischen Renaissance-Humanismus zwischen Plato und Augustinus »La città del sole« (Die Sonnenstadt) wirkte bis zu Ernst Bloch nach.

Die Bedeutungen erschließt Valerio Sannicandro den gebannt beobachtenden Zuhörern geradezu unwillkürlich, auch wenn die lateinisch-italienischen Fetzen und Fragmente des dominikanischen Poeten nicht zu entschlüsseln sind. Ein musikalisches Denk-Drama von magischer Suggestivität, dessen präzise Struktur sich am Dirigat und am häufigen Justieren der Sänger – Countertenor Daniel Gloger hatte unter ihnen eine hervorgehobene Rolle – mit ihren Stimmgabeln ablesen ließ.

Japsen, Schnarchen, Pantomime

Das war auch beim zweiten Werk so, Giovanni Bertellis »Le premier jour« für sechs Stimmen. Der 36-jährige Italiener erhielt seine Ausbildung zunächst im Heimatort Verona und wurde dann am Conservatoire in Paris vor allem von seinem Landsmann Stefano Gervasoni geprägt, der sich seinerseits an Luigi Nono und Helmut Lachenmann orientierte.

Auch Bertelli benutzt alle Klang- und Ausdrucksformen der menschlichen Stimme vom Japsen über schnarchende Geräusche oder Pfiffe bis zur stummen Pantomime und geht noch etwas weiter. Ein tragendes akustisches Element ist das rhythmisierte Blättern, für das eigene Seiten in die Partituren eingelegt sind. Denn sein situativer theatralischer Rahmen ist die gemeinsame Lektüre von Marcel Prousts »Recherche« vom Anfang, und dem surrealistisch verrätselten »Codex Seraphinianus« von Luigi Serafini zum Ende des 20. Jahrhunderts hin.

Wo Fantasiesprache magische Bildwelten schafft, formen sich die französischen Fragmente aus Proust-Worten doch schließlich wieder zum Satz und ergänzen die nicht zu entziffernde Wort-Laut-Welt Luigi Serafinis zu einer Art Ringkomposition – mit durchaus humoristischen Anklängen in den sorgsam verteilten Rollen.

Die Ensembles wurden vom Publikum mit langem Beifall gefeiert. (GEA)



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