Musiktheater - Tschaikowskys »Pique Dame« beschließt den Premierenreigen der Stuttgarter Oper in dieser Spielzeit

Zerstörerischer Egomane

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

STUTTGART. Sanfte Melodik, bedrohliche Dissonanzen - sie zeichnen bereits im Vorspiel zu Peter Tschaikowskys Oper »Pique Dame« (1890) das Geschehen vor. Das Stuttgarter Staatsorchester, das im kommenden Jahr sein 425-jähriges Bestehen feiert, zeigte sich am Sonntag im Stuttgarter Opernhaus von Anfang an hellwach und präsent bei dieser letzten Opernpremiere in dieser Spielzeit. Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling und seine musikalischen Mitstreiter, darunter ein gewohnt kraftvoll singender und lebendig artikulierender Opern- nebst Kinderchor (Leitung: Johannes Knecht), ernteten am Ende satten Beifall. Der galt auch den Regisseuren Jossi Wieler und Sergio Morabito, die nun schon seit fast einem Vierteljahrhundert zusammenarbeiten - immer wieder mit neuen Einfällen. Bei »Pique Dame« haben sie sich von Fjodor Michailowitsch Dostojewskis anarchistisch-obsessiven Jünglingen inspirieren lassen - und das, obwohl die literarische Vorlage doch von Alexander Puschkin stammt. Gemeinsam mit Anna Viebrock (Bühne und Kostüme) siedeln sie die Opernhandlung in einer heutigen, sichtlich maroden Welt der Sankt Petersburger Hinterhöfe an.

Der Griff zum Messer

Die Psychologie des verkrachten Studenten und Egomanen German, aber auch das Kolportageartige, Hintertreppenhafte (anschaulich im Bühnenbild) rücken bei Wieler/Morabito in den Mittelpunkt. Eine alte Gräfin, die in ihrer Jugend als »Moskowitische Venus« am französischen Hof Furore machte und die mittlerweile von einem Hofstaat von Obdachlosen umgeben ist, wird zum Prüfstein für Germans Leidenschaft und Gier. German verzehrt sich in Liebe nach der Enkelin der Gräfin, Lisa, die allerdings mit dem Fürsten Jeletzki verlobt ist. Dass auch sie German liebt, gleichzeitig aber an einer Vernunftehe mit Jeletzki festhält, verkompliziert die Sache. Das Zerstörerische, das Germans und Lisas Verbindung prägt, ist die ganze Zeit gegenwärtig. Kaum eine Szene vergeht, in der German nicht mit dem Messer vor Lisa oder ihrer Großmutter herumfuchtelt oder - in erpresserischer Absicht - die Waffe auf sich selbst richtet. Hinzu kommt ein Floh, den der reiche Emporkömmling Tomski German ins Ohr setzt: Dass nämlich derjenige, der der »Pique Dame« genannten Gräfin ihr Geheimnis entwindet, sich aller materiellen Sorgen entledigt. Drei Karten, so heißt es, kenne sie, die sicheres Glück im Spiel verheißen. Besessen von der Idee, ihr dieses Geheimnis zu entreißen, rückt Lisa für German an die zweite Stelle. Als die Gräfin durch sein Zutun überraschend stirbt und Lisa sich daraufhin vorübergehend von ihm abwendet, gilt sein Interesse zuallererst dem Tascheninhalt der Toten. Als später wiederkehrender Geist vertraut sie ihm doch noch das Geheiminis der drei Karten an. Zu diesem Zeitpunkt sind er und Lisa bereits Verlorene. Erin Caves (German) gibt mit erst kühlem, dann leidenschaftlichem Tenor einen Faust, der den Mephisto von Anfang an in sich trägt. Vor allem im zweiten und dritten Akt fährt er zu abgründiger Größe auf. Rebecca von Lipinskis eher zurückhaltender Sopran - sie verkörpert die sich als Germans Sklavin bezeichnende Lisa - entfaltet sich in Duetten mit Stine Marie Fischer (als Lisas Freundin Polina) und Caves besonders prachtvoll. Fischer bringt mit ihrem fantastischen Alt und ihrer erfrischenden Art erheblichen Schwung in den Abend. Helene Schneiderman (Mezzosopran) nimmt mit kurzen, aber effektvollen Auftritten als Gräfin für sich ein. Als einziger Russisch-Muttersprachler der Neuproduktion macht der Bariton Vladislav Sulimsky (Tomski) eine überaus gute Figur. In derselben Stimmlage setzt Shigeo Ishino als treu liebender Fürst Jeletzki Akzente. Mit dem ersehnten Sieg im Glücksspiel vor Augen und einem Publikum, das sieht, was er in seiner Verblendung verloren hat, entschwindet German von der Bühne. Lisa ist da längst zu einem der Geister geworden, mit der diese Inszenierung so eindrucksvoll aufwartet. Mit den Worten »Ich weine Ihre Tränen« hat sich, als noch nicht alles verloren war, in einer mitfühlenden Arie Jeletzki an Lisa gewandt. Geholfen hat es ihr nicht. (GEA)

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