Event - Solo-Tanz-Theater-Festival in Stuttgart

Zappen durch die Tanzmusik

VON ANGELA REINHARDT

STUTTGART. Tanz muss nicht zwangsweise zur Musik passen, das postulierte schon Merce Cunningham, der Altmeister der modernen Choreografie. Nicht ganz auf seinem Niveau experimentierte die Dänin Marlene Bonnesen, als sie mit »A Solo dedicated to you and you and you-« das 21. Internationale Solo-Tanz-Theater-Festival im Stuttgarter Rotebühlzentrum eröffnete:

Miguel Mavatiko beim Festival in Stuttgart. Foto: Mirko Polo
Miguel Mavatiko beim Festival in Stuttgart. Foto: Mirko Polo
Auf Funkkopfhörern konnten die Zuschauer einen von drei Musikkanälen zwischen heftigen Beats und Barockarie einstellen. Bonnesen tanzte (oder zögerte) und jeder puzzelte sich so sein eigenes Stück zusammen, die meisten zappten munter durch die Kanäle. Ein lustiges Experiment, aber kein schlüssiges Stück.

Hingetupfte Stadtreise

In »Work on Julius Caesar« verrenkte sich die Spanierin Marina Miguélez-Lucena am Boden und zeigte einen Film, in dem sie am Strand herumbuddelt – nur was um Himmels Willen hatte das mit dem Feldherrn zu tun? Auch die Italienerin Erika Silgoner berief sich in ihrem stockenden, langwierigen Solo »? I mA« für Gloria Ferrari auf »Hamlet'sche Zweifel« – warum müssen es denn immer so hohe Ziele sein? Wahrscheinlich gehen einfach die Themen aus, wenn man alleine mit sich selbst tanzt. Über 300 verschiedene Tanzsolos dürften es gewesen sein, die seit 21 Jahren bei diesem Festival gezeigt wurden, ein Großteil aber kreiste auch dieses Jahr wieder um »Me, Myself and I«, wie die Amerikaner so schön sagen.

Wenn das immerhin mit Spannung, Dynamik, Timing und einem riesigen Bewegungsrepertoire geschieht, dann keimt Hoffnung auf: »Who I am is not -« von Gonçalo Reis endete zwar auch in Textfluten, vorher aber zeigte der Portugiese einen Körper, der gewissermaßen laut schrie. Daraus könnte etwas werden! Unter viel zu vielen Blackouts zerbrach »One day and one night – Beirut« von Yara Lucia Afram Boustany, eine hingetupfte Stadtreise zwischen Schamanin und Clown. Dafür brachte der Soundtrack der Libanesin das schönste Schnarchen, das je auf einer Bühne zu hören war.

Expressiver Stil

Dass Tanz durchaus gesellschaftspolitisch arbeiten kann, bewies an diesem Abend nur einer: Miguel Mavatiko aus dem Kongo setzte dem politisch inkorrekten »Blackfacing«, dem Schwarz-Anmalen von Weißen auf dem Theater, ein »Whitefacing« entgegen, als er in »Kifwebe. 01« seine afrikanische Maske abnahm. Sein Solo über die 10 Millionen Kongolesen, die der Kolonialherrscher Leopold II. von Belgien einst umbringen ließ, machte die Zahl »ten million« zu einem sich bedrohlich einbrennenden Rhythmus, Mavatiko verband dazu zeitgenössischen Tanz mit Breakdance zu einem ganz eigenen, expressiven Stil. Vielleicht reicht es einfach, mal über sich selbst hinauszuschauen. (GEA)



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