Open Air - Drei Folkrock-Veteranen in mythischen Sphären: Crosby, Stills & Nash vor 5 000 Besuchern in Esslingen

Woodstock mit Burgfräulein

Von Joachim Kreibich

ESSLINGEN. »Sollen wir wirklich?« David Crosby wendet sich auf Höhe des Mischpults wieder um. Stephen Stills schiebt den scheinbar Widerstrebenden mit vollem Körpereinsatz auf die Bühne. Graham Nash folgt lachend. Die drei schnallen ihre Gitarren um - und schon erklingen die ersten Takte von »Woodstock«. Fans und Band sind gleich mittendrin in mythischen Sphären.

Rock ?n' Roll und leise Töne: Stills, Nash und Crosby (von links). GEA-FOTO: -JK
Rock ‘n' Roll und leise Töne: Stills, Nash und Crosby (von links). FOTO: Joachim Kreibich
Als die drei 1969 ihr Debüt-Album veröffentlichten, spotteten Kritiker noch, der Bandname lasse eher an eine Anwalts-Kanzlei denken, und vermuteten, der Sound sei allein das Resultat von immensem technischem Aufwand im Studio. Am Samstag auf der Esslinger Burg war's wie immer, wenn die Folkrock-Veteranen ans Mikro treten: Harte Männer bekommen weiche Knie, schwärmen von Love, Peace and Happiness und schwelgen in Erinnerungen an Woodstock, obwohl sie das legendäre Festival bloß von Filmaufnahmen kennen.

Crosby wird in drei Wochen 70, Nash im übernächsten Jahr und Stills hat soeben das Renten-Alter erreicht. Doch ihre Botschaften sind immer noch aktuell, finden Fans und Musiker. Weggefährte Neil Young ist immerhin im Geiste anwesend. Das Trio spielt dessen »Long May You Run« - ein Song aus einer Phase, als die Sing-Gemeinschaft mit heftigem Zoff gerade mal wieder in mehrere Teile zerbrach.

Außerdem entdeckt Nash den Kollegen drüben im dicken Turm. »Das muss Neil sein«, lässt Nash das Publikum wissen, und alle winken hinauf zum Esslinger Wahrzeichen, wo sich eine einzelne Gestalt am Fenster zeigt. Da es sich um eine Frau handelt, wird es allerdings eher ein Burgfräulein gewesen sein. Als hätten sie nicht mehr als genug eigene Hits, leisten sich CSN den Luxus und covern fast ein Dutzend Stücke aus dem Fundus anderer Größen der Rock-Geschichte. Sehr respektabel »Behind Blue Eyes« von den Who, umjubelt »Ruby Tuesday« von den Rolling Stones, an der Grenze zur Parodie Dylans »Girl From The North Country«.

Gerade bei Letzterem ist unüberhörbar, dass Stills' Stimme gelitten hat. Allerdings funktioniert der dreistimmige Harmonie-Gesang bei den meisten Songs nahezu perfekt. Und die eingeschworenen Fans lassen nichts auf ihre Idole kommen. Sie finden sowieso, dass der Band eine eigene Hall Of Fame gebührt, in der selbst Gruppen wie die Eagles nur als Untermieter geduldet werden, weil die erst auftauchten, als CSN schon alles erfunden hatten.

Viel zu schnell bei den Zugaben

Viel zu schnell sind die drei bei den Zugaben. Wer penibel mitgezählt hat, stellt zwar fest, dass heutige Konzert-Besucher mit 23 Titeln deutlich mehr von ihren Heroen zu hören bekommen als die Leute damals in Woodstock (16 Titel), doch jeder Anhänger hat noch eine Handvoll Stücke auf seiner persönlichen Wunschliste.

Ganz am Schluss reißen die Wolken auf, und der Vollmond bescheint die Szenerie. Das bekommen die wenigsten mit. Sie sind zu beschäftigt »Teach Your Children« mitzusingen, um auf andere Naturgewalten zu achten als die auf der Bühne. Jeder Film-Regisseur hätte die Szene sowieso weggeschnitten: Das glaubt wieder keiner. Viel zu kitschig. CSN strahlen selber hell genug. (GEA)



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