Nachruf - Ein Künstler von Rang mit Wohnsitz in Reutlingen

Winand Victor ist im Alter von 96 Jahren gestorben

VON MONIQUE CANTRÉ

REUTLINGEN. »Wenn das Herz keine Kraft mehr hat, dann soll es aufhören zu schlagen«, hat Winand Victor medizinische Unterstützung abgelehnt. Am Sonntag um 10 Uhr – »die Glocken haben geläutet«, berichtet seine Tochter Winni Victor – ist er gestorben. Im gesegneten Alter von 96 Jahren, in seinem Haus in der Ulrichstraße, im Beisein seiner Familie. Winand Victor, eine große Persönlichkeit und ein Maler von entschiedener Eigenständigkeit, hat in Reutlingen einen künstlerischen Markstein gesetzt. Dafür hat ihn die Stadt mit ihrer höchsten Auszeichnung, der Bürgermedaille, geehrt.

Winand Victor im Jahr 2005 vor seinem Bild »Lichtflug VII« in einer Ausstellung der Galerie Geiselhart. GEA-ARCHIVFOTO: MEYER
Winand Victor im Jahr 2005 vor seinem Bild »Lichtflug VII« in einer Ausstellung der Galerie Geiselhart. FOTO: Jürgen Meyer
Doch außerhalb, in Berlin, Hamburg, Frankfurt, München wurde sein Schaffen stärker wahrgenommen. Er hat das ohne Groll erzählt, in der ihm eigenen vornehmen Zurückhaltung. Auch dass er in Reutlingen nie richtig heimisch werden konnte, trotz glücklichen Familienlebens und steter Gastfreundschaft. Vielleicht braucht aber solch ein unabhängiger Geist wie Victor auch gar keine Heimat im lokalen Sinn, sondern ruht in sich selbst – und in seiner Kunst. Immerhin ist sein Alterswerk durch das Engagement des Galeristen Reinhold Maas in Reutlingen durchaus präsent gewesen, zuletzt in einer Ausstellung Ende 2013.

Geboren in den Niederlanden

Winand Victor wurde am 13. Januar 1918 als viertes Kind eines Maschinenbauingenieurs im holländischen Schaesberg geboren. Als 14-Jähriger erhielt er die Sondergenehmigung für die Teilnahme an Abendkursen der Aachener Kunstgewerbeschule. Von 1937 bis zu Einberufung zum Kriegsdienst studierte er an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. 1945 kehrte er aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück und arbeitete als freier Maler im badischen Ettenheim. 1948 kam er zur Künstlergemeinschaft im ehemaligen Kloster Bernstein, wo auch Grieshaber lehrte. Ein Jahr später heiratete er seine Frau Liselotte und zog mit ihr in ihre Heimatstadt Reutlingen, wo er schließlich auch sein Atelier baute, in dem er bis zuletzt malte. Zwei Töchter gingen aus der Ehe hervor: Marion und Winni, beide auch künstlerisch tätig. Ehefrau Liselotte starb 1998.

Legendär wurde Victors Atelier, weil sich dort in den 50er-Jahren Maler und Autoren versammelten, die sich nach der Kriegskatastrophe für Frieden und Völkerverständigung einsetzten. Mit Günter Bruno Fuchs, Richard Salis, Karl Langenbacher, Kurt Leonhard und Dietrich Kirsch gab Victor die pazifistische Zeitschrift »telegramme« heraus.

Künstlerisch fasste er relativ schnell Fuß. Er schuf Bildteppiche und Glasbetonfenster. 1959 stellte er schon bei Nierendorf in Berlin aus. Es folgten Ausstellungen in Zürich, Wien, Paris, Florenz und etlichen deutschen Großstädten.

Ende der 70er-Jahren begann Winand Victor nach einer Phase abstrakter, experimenteller Malerei unter dem Eindruck des Informel mit dem thematischen Zyklus seiner »Stadtbilder«, die gewissermaßen zu seinem Markenzeichen werden sollten. Hier wird seine handwerkliche Meisterschaft besonders kenntlich. Die Szenen der anonymen Shopping-Gesellschaft, die sich in den reflektierenden Schaufenstern der Warenhäuser, in gläsernen Drehtüren und polierten Fußböden spiegeln, belegen raffiniertesten Umgang mit der Farbe.

Nach der umfassenden Phase der kühlen Großstadtbilder, die durchaus Melancholie hervorrufen können, auch wenn Winand Victor Emotionalität stets vermied, folgte im 21. Jahrhundert eine Phase der kosmischen Bilder, in denen der Blick ins All geleitet wird – und gleichsam metaphorisch in hoffnungsvoll zauberische Farbräume.

Winand Victor wird am Freitag, 2. Mai, um 11 Uhr auf dem Friedhof Römerschanze in Reutlingen beerdigt. (GEA)

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