Musik

Weltstar der Klassik: Daniel Barenboim wird 75

Von Esteban Engel, dpa

Berlin (dpa) - Er wurde in Argentinien geboren, später zog er mit seinen Eltern nach Israel, irgendwann gaben ihm die Palästinenser und die Spanier auch einen Pass. Für Daniel Barenboim sind Grenzen fließend.

Daniel Barenboim feiert seinen 75. Geburtstag mit einem Konzert. Foto: Mohammed Abed
Daniel Barenboim feiert seinen 75. Geburtstag mit einem Konzert. Foto: Mohammed Abed
Er ist Pianist und Dirigent, Opernchef und Orchester-Boss, Musikvermittler und Friedensbotschafter - der Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden feiert am 15. November seinen 75. Geburtstag mit einem Konzert in der Berliner Philharmonie, sein Freund Zubin Mehta dirigiert.

Denn Musizieren ist sozusagen Barenboims Naturzustand. «Für mich spielte die Musik immer die wichtigere Rolle vor anderen Erfahrungen», sagt er. Seine Eltern waren seine Lehrer. «Ich kannte praktisch keine Leute, die nicht Klavier spielten, in meiner kindlichen Auffassung spielte alle Welt Klavier.»

Mit sieben Jahren beherrschte er Beethovens Klaviersonaten, um die junge Pianisten oft einen großen Bogen machen. «Man sagt ja immer, um eine Beethoven-Sonate zu spielen, braucht man eine bestimmte Reife. In meinem Fall war das umgekehrt: Ich habe schon früh die Sonaten gespielt und damit von der Musik für das Leben gelernt», sagte er im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Die Karriere eines Wunderkinds. Mit zehn Jahren debütierte er bei den Salzburger Festspielen, mit zwölf trat er als jüngster Schüler in die Dirigentenklasse der Accademia di Santa Cecilia in Rom ein. 1954 spielte er Wilhelm Furtwängler vor, die Einladung zu einem Auftritt bei den Berliner Philharmonikern durfte er nicht annehmen. Für Barenboims Vater Enrique war neun Jahre nach Kriegsende die Zeit nicht reif, dass ein Jude in Deutschland auftritt. Sein Philharmoniker-Debüt feierte er zehn Jahre später mit Furtwänglers Klavierkonzert.

In den 50er und 60er Jahren reiste er durch die Welt und stellte die Weichen für seine zweite Karriere als Dirigent. Seit 1967 stand er nun immer öfter vor den Orchestern in Berlin, New York und Paris auf dem Podium. Im Juli 1987 wurde er künstlerischer Direktor der Pariser Bastille-Oper. In der Nachfolge von Georg Solti ging er 1991 als Chefdirigent zum Chicago Symphony Orchestra, ein Jahr später trat er gleichzeitig an die Spitze der Berliner Staatsoper.

Auch sein Klavier-Repertoire sprengt das übliche Maß. Dort, wo sich andere Pianisten auf ein paar Steckenpferde konzentrieren, lässt sich Barenboim nicht eingrenzen. Seine Einspielungen der Klavierkonzerte von Beethoven und Mozart sind legendär, vor einigen Jahren hat er alle Schubert-Sonaten eingespielt, gerade beschäftigt er sich mit Claude Debussy. «Das letzte Genie der klassischen Musik», nannte ihn der Kritiker Joachim Kaiser.

Barenboim musste auch einen schweren persönlichen Schicksalsschlag verkraften. Seine erste Frau, die britische Cellistin Jacqueline Du Pré, starb 1987 nach langem Leiden an Multipler Sklerose. Später heiratete er die russische Pianistin Elena Bashkirowa, das Ehepaar hat zwei Söhne, sie leben in Berlin. Michael ist als Geigensolist unterwegs, David ist Hip-Hopper.

Hören und aktives Musizieren stehen für Barenboim gleichberechtigt nebeneinander - wie im Orchester, wo jeder Musiker alles von sich gibt, aber auch auf die anderen hören müsse. Diese Idee steht auch hinter der Barenboim-Said-Akademie, die er Anfang des Jahres für sein West-Eastern Divan Orchestra in Berlin öffnete. Beim Nahost-Konflikt gehe es nämlich auch um das Erlernen gegenseitiger Wahrnehmung. «Ich kämpfe gegen die Ignoranz - der Israelis und der Palästinenser», sagt er und erhofft sich von beiden Seiten Verständnis für die jeweils andere Sicht der Geschichte. Mit dieser Haltung hat er in Israel nicht nur Freunde. Er klingt enttäuscht, wie wenig sich bewege.

Die Akademie, errichtet im einstigen Kulissendepot der Staatsoper und ausgestattet mit einem Konzertsaal nach Plänen des amerikanischen Stararchitekten Frank Gehry, ist Barenboims Lebensprojekt. «Junge Musiker, die meistens nur ihr Instrument üben, sollen hier eine Verbindung zur Kultur und dem intellektuellem Leben bekommen.»

Ob er an seinem Geburtstag Bilanz ziehe und zurückblicke? «Nein. Ich glaube an die drei Stufen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Man kann keine Gegenwart erleben und genießen ohne die Vergangenheit und den Blick in die Zukunft. Das gehört zusammen.» Aber Wünsche müsse er doch haben? «Ich hätte gerne Macht über meinen körperliche Verfassung. Lange zu leben ohne Lebensqualität, das interessiert mich nicht.»

Aufhören steht aber bei Barenboim nicht auf dem Programm. Die Staatskapelle hat ihn auf Lebenszeit zum Chef ernannt. «Vermutlich wussten sie nicht, dass es so lange dauern würde», sagt er im Spaß. Und im Ernst: «So lange ich fit bin und das Orchester neugierig auf mich, werde ich bleiben.»

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