Literatur - Der in Reutlingen lebende Autor Jochen Weeber stellt in der Stadtbibliothek seine einfühlsame Erzählung »Herr Lundqvist nimmt den Helm ab« vor

Von Mut beseelt

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

REUTLINGEN. Das Erste, was Jochen Weeber an diesem Abend tut, ist, dass er das Podium, auf dem er Platz nehmen und lesen soll, weiter in Richtung Publikum rückt. Er will nah bei seinen Zuhörern sein.

Es ist ein kleines Grüppchen, das ihm da im Großen Studio der Stadtbibliothek gegenübersitzt, angesichts des konkurrierenden Fußballspiels – Dortmund spielt gegen Bayern – spricht er von einem »guten Haufen, der da beisammen ist«.

Seine Erzählung »Herr Lundqvist nimmt den Helm ab« ist Anfang des Jahres als Buch erschienen – im Dezember war die Geschichte bereits als Hörspiel im Radio zu hören, produziert vom SWR. Der 1971 in Vaihingen/Enz geborene Autor liest daraus weite Teile. Michael Laucke, Solofagottist der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, schafft musikalisch wunderbare Übergänge, in denen das Gehörte nachklingen kann. Ihr sensibles Wechselspiel von Wort und Musik krönen Weeber und Laucke am Ende mit einem gemeinsam gespielten Stück – mit Weeber am Akkordeon.

Brief gegen die Einsamkeit

Der titelgebende Herr Lundqvist kommt im Buch erst spät ins Spiel, an einer sehr wichtigen Stelle. Es geht um Loris, der fünfzehn ist und unter der Krankheit Duchenne-Muskeldystrophie leidet. Er weiß, dass er nicht mehr lange leben wird. Seinen Traum, einmal einen Olympiasieger zu interviewen, träumt er dennoch.

Während Loris im Krankenhaus liegt, beginnt sein Vater einen langen Brief an seine Frau zu schreiben, die verreist ist, weil sie die Sorge um das, was vom Leben übrig bleiben wird, wenn Loris einmal nicht mehr da ist, überfordert. Der Vater schreibt gegen die Einsamkeit, die sich im Haus breitmacht, an und hängt Erinnerungen an glückliche Tage nach. Und er fasst einen Entschluss, der Loris und ihm in den Tagen, die ihnen noch bleiben, viel Freude bringen wird.

Es ist ein berührendes Buch, das Weeber geschrieben hat und dessen zweifelnde, ängstliche, heitere und von Mut beseelte Passagen er lebendig vorträgt. »Die Beziehung der Familienmitglieder untereinander wird spürbar«, meint eine Zuhörerin. Weebers früherer Deutschlehrer fragt nach, wie denn die Geschichte mit Loris’ Mutter weitergeht. Doch der Autor will an diesem Abend nicht alles verraten. Wer sollte sonst noch sein Buch kaufen?

Ein Herzensprojekt

Dafür erzählt er auf Nachfragen aus dem Publikum, wie er zum Stoff für seine Erzählung kam. Als gelernter Sonderpädagoge, der drei Jahre als Lehrer tätig war, und auch im Zivildienst habe er mit zwei jungen Männern mit Muskeldystrophie zu tun gehabt. Einen von ihnen habe er länger betreut. »Ich hab’ mich mit ihm angefreundet.« Die Geschichte, die er zu Papier gebracht habe, decke sich nur am Rande mit dem, was er erlebt habe, doch hätten ihn die Begegnungen für Tod und Krankheit und nicht zuletzt für das Leben sensibilisiert.

»Es sollte auf keinen Fall ein schweres Buch werden, sondern eines, das Trost vermittelt«, sagt er. Dazu gehört für ihn, »da zu piksen, wo’s richtig wehtut«, um an anderer Stelle mit den Figuren zu träumen und befreit zu lachen.

Dass ihm das Schreiben, wie er sagt, »eine Herzensangelegenheit« war, ist dem Text anzumerken: Loris’ Familie wächst einem wirklich ans Herz. Darüber hinaus ist die Erzählung auch sprachlich ein Genuss. (GEA)

Jochen Weeber: Herr Lundqvist nimmt den Helm ab. Erzählung, 110 Seiten, 14 Euro, Drey-Verlag, Gutach.



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