Kultur
Archäologie - Museum Schloss Hohentübingen zeigt Sonderschau mit herausragenden Funden der letzten fünf Jahre

Von Löwenmensch bis Handgranate

VON JÜRGEN MEYER

TÜBINGEN. An einem nasskalten Februartag im Jahr 2008 spaziert ein ehrenamtlicher Mitarbeiter der Archäologischen Denkmalpflege an einem frisch ausgehobenen Wassergraben zwischen Melchingen und Ringingen entlang. Ihm fallen merkwürdige Keramikreste auf. Eine sofort eingeleitete Rettungsgrabung fördert rund vierzig meist intakte Gefäße in einer kleinen flachen Grube zutage, auf engstem Raum ineinander gestapelt und gegeneinandergestellt. Nach 3 100 Jahren unter dem Albboden sind die Ausgräber auf ein wohl kultisch motiviertes Keramikdepot aus der Urnenfelderzeit gestoßen. »Wir scheinen Zeuge einer religiösen Handlung oder eines Opfers zu sein«, sagt Frieder Klein.

Der Referatsleiter für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Tübingen führte am Mittwochabend im Museum Schloss Hohentübingen vor Augen, wie meist nur dank des Zufalls herausragende archäologische Entdeckungen gemacht werden. »Höhepunkt der Landesarchäologie« heißt die Wanderausstellung, die noch bis 19. Februar 2012 in der Unistadt zu sehen ist und dann nach Freiburg weiterzieht. Sie zeigt bedeutende Neufunde von der Altsteinzeit bis hin zur Frühen Neuzeit.



Exponate von 25 Fundorten

Zu den ältesten Stücken zählt die etwa 40 000 Jahre alte berühmte Figur des »Löwenmenschen« aus der Hohlenstein-Stadel-Höhle bei Asselfingen; zu den jüngsten zählen die ersten Handgranaten, die bei der Belagerung des Singener Hohentwiels im 16. Jahrhundert zum Einsatz kamen. Präsentiert werden Exponate von über 25 Fundorten aus Baden-Württemberg, darunter auch »archäologische Hotspots« aus dem Tübinger Bezirk, wie Regierungspräsident Hermann Strampfer betonte.

Die meisten Exponate werden zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Dazu zählen Funde von einer alemannischen Siedlung bei Langenenslingen, das spätmittelalterliche Christus-Keramikmodel aus dem Keller der Reutlinger Spendhausstraße 5 oder eine Gussform aus dem untergegangenen Gauhauptort Sülchen bei Rottenburg. Ein Hingucker ist der Überrest eines fast 5 000 Jahre alten »Flipflop«, einer jungsteinzeitlichen Sandale aus der Pfahlbautensiedlung in Sipplingen, oder eines der ältesten Räder der Menschheit aus dem Olzreuter Ried nahe Bad Schussenried.

Spektakuläre Blockbergung

Schon wegen ihrer spektakulären Bergung als riesiger Block zur Berühmtheit gelangt sind die Schmuckfunde aus dem frühkeltischen Fürstinnengrab unterhalb der Heuneburg. Hier lag das keltische Pyrene, die älteste bekannte Stadt nördlich der Alpen. Nach Abschluss der zurzeit noch laufenden Auswertung der dank Staunässe hervorragend erhaltenen Holz- und Grabfunde, so Landesarchäologe Dirk Krausse, müsse wohl die bisherige Chronologie der älteren Eisenzeit neu überdacht werden.

Die kleine, aber recht feine Ausstellung führt dem Besucher neben den lokalen Funden auch die Aufgabenfelder und Arbeitsweisen der Landesarchäologie vor. Angerissen werden dabei etwa die Themen »Rettungsgrabung«, »3-D-Visualisierung«, »Feuchtbodenarchäologie« und »Blockbergung«. (GEA)



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