Bühne - Per Bustransfer zum Tanztheater »Acqua«: Unterwegs mit einer Abo-Gruppe zur Vorstellung im Theater Ulm

Von Honau in den Tanzdschungel

VON ARMIN KNAUER

LICHTENSTEIN/ULM. Ein Geflecht von Bustransfers verbindet die Region mit dem Theater Ulm. Gleich zwei Abo-Reihen, eine am Samstagabend, eine am Sonntagnachmittag, sind so an die Bühne der Münsterstadt angebunden. Der GEA wollte testen, wie so etwas abläuft und war am vergangenen Sonntag dabei. Ziel: eine aus zwei Tanztheaterstücken kombinierte Aufführung mit »Acqua« von Ballettchef Roberto Scafati und »Recortes« von Gustavo Ramírez Sansano.

Sonntag, kurz vor zwölf an der Bushaltestelle in Honau. Die Schicksalsfrage, ob man vorher noch mittagessen soll, haben wir mit nein beantwortet. Nach und nach trudeln die Theaterfahrer ein, es sind, wie fast immer in kulturellen Abo-Reihen, die reiferen Jahrgänge, die sich beteiligen. Rege Diskussionen entspinnen sich über den bevorstehenden Abschied des Ulmer Intendanten Andreas von Studnitz. Was wird sich unter seinem Nachfolger Kay Metzger ändern? Wird Tanzchef Roberto Scafati bleiben, der sich mit schwungvollen Choreografien viele Sympathien erworben hat? Dann kommt der Bus.

Ein Teil ist bereits in Eningen zugestiegen, weitere Theaterfahrer stoßen am Traifelberg dazu, der Bus ist voll. Zwei weitere Busse steuern Ulm auf anderen Routen an, insgesamt sind etwa hundert Bühnenfans per Bus auf dem Weg in Richtung Münsterstadt. Während beschauliche Albdörfer an uns vorüberziehen, tönt aus den Lautstprechern von einer CD die Stimme von Opernchef Matthias Kaiser. Er gibt eine sehr persönlich gefärbte Einführung in die Stücke. So erfährt man, dass es in »Recortes« um Erinnerungen geht - auch an frühere Choreografien Sansanos; und dass man in Scafatis Stück »Acqua« einen Regen der besonderen Art erleben wird. Die Spannung wächst.

Gestärkt im Publikumshalbrund

Kurz nach dreizehn Uhr: Der Bus rollt auf dem Theaterparkplatz ein. Bewundernswert, wie unser Fahrer Herbert Goller das Vehikel durch das Baustellengewirr der Donaustadt manövriert hat. Ulm renoviert seinen Untergrund. Es ist noch eine Dreiviertelstunde Zeit - etwa, um im Theatercafé bei Kaffee und Kuchen die Lücke zu schließen, die das ausgelassene Mittagessen hinterlassen hat.

Gut gestärkt sitzen wir im Halbrund des mäßig großen, modern wirkenden Zuschauerraums. Dabei steht der 1969 eingeweihte Bau von Fritz Schäfer bereits unter Denkmalschutz. Die Bühne ist schwarz, einziges Element ist eine abstrakte Wand mit zwei Türöffnungen. »Recortes« von Ramírez Sansano wird gespielt. Gestalten erscheinen aus den Türöffnungen, enge schwarze Beinkleider, locker fallende schwarze Hemden. Meditative Klaviermusik perlt aus den Lautsprechern. Die Tänzer tanzen einsame Soli und zarte Begegnungen. Rasten in synchronisierten Gruppenbewegungen ein und scheren daraus aus.

Später wird die Hauswand aufgeklappt wie ein Buch, wie ein Fotoalbum. Nun sind die Wände weiß, auch die acht Tänzerinnen und Tänzer erscheinen in weißen Hosen und Hemden. Spiele von Anziehung und Distanzierung. Bewegungsimpulse, die von einem Körper in den anderen wandern. Elvis' warme, samtige Stimme aus der Box. Gruppenkuscheln zu »Love me Tender«. Am Ende malen sich alle zu fröhlichem Swingpop gegenseitig Herzchen und Häuschen auf die Hemden. Das Fotoalbum der Erinnerungen wird sozusagen mit neuen Motiven gefüllt und wieder zugeklappt. Es ist das abstraktere Stück, ganz fokussiert auf die Feinheiten der Bewegungsabläufe, auf die Rhythmik von schnell und langsam, den Wechsel von geschmeidigem Ausgreifen und Einfrieren in Superzeitlupe.

Der zweite Teil, »Acqua« von Ballettchef Roberto Scafati, hat eigentlich auch ein abstraktes Thema: Wasser. Und ist doch ganz anders. Liefert plakativere Bilder und einen mystischen Klangteppich, den Komponist Jürgen Grözinger am Schlagwerk und Georges-Emmanuel Schneider an der elektronisch verstärkten Geige live hinten auf der Bühne weben.

Zu Beginn sind die zehn Tänzerinnen und Tänzer das Wasser selbst. Als Tropfen fallen sie aus der abgesenkten Bühnendecke in ihren wasserblauen Glitzerleibchen. Wasser plätschert, Trommeln dröhnen, Bühnennebel wabert - Dschungel-Assoziationen stellen sich ein. Die tanzenden »Wassermoleküle« ballen sich zu »Kristallen« zusammen, werden von der »Strömung« wieder getrennt.

Paarweise kommen die Tropfen zusammen, erotische Anziehung knistert; gibt es Liebe zwischen Wassertropfen? Immer mehr verschiebt sich das Thema, weg vom Wasser an sich, hin zum Menschen, der mit dem Wasser spielt, im Wasser spielt. Der es in Schalen auf dem Haupt trägt, wo es das Licht der Scheinwerferspots bricht. Der mit den Händen darin spielt, mit nassen Steinen Rhythmen schlägt. Bis schließlich ein Paar in den künstlichen Regen tritt, sich umwirbelt in klatschnassen Leibchen und sich gegenseitig durch die Pfützen schliddern lässt auf der gefluteten Bühne. Verblüffende Akrobatik, wundersame Eleganz eines erotischen Aquaplanings - beim Applaus geht das später weniger gut: Ein Tänzer gleitet auf der Nässe aus und stürzt.

Erotisches Aquaplaning

Wir hingegen dürfen trocken staunen und die sinnlichen Bilder genießen - und danach einfach in den vor der Tür wartenden Bus steigen. Wo man beim sanften Schaukeln über die Alb das Gesehene erörtert. Und bei der traditionellen Nachsitzung, diesmal im »Rössle« in Honau.

Wobei die Sache diesmal schnell ausdiskutiert ist. Die Sympathien gehören Scafatis Wasserspielen und dem Schlagwerker Grözinger mit seinem archaischen Live-Soundtrack. Es gab da schon heftigere Diskussionen, vor allem nach »Dogville« nach dem Film von Lars von Trier, wie sich Jutta Kraak erinnert, die Organisatorin der Abofahrten am Sonntag.

In dieser Saison stehen für die Sonntags-Abofahrer noch Molières »Der Geizige«, die Opern »Nabucco« (Verdi) und »Elektra« (Richard Strauss) an, ein Kombi-Abend aus Schönbergs Einakter »Die glückliche Hand« und einer szenischen Version von Orffs »Carmina Burana« sowie das Rock-Musical »Rock of Ages«. Stoff genug für noch so manche Busfahrt und Nachsitzung. (GEA)



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