Kultur
Literatur - Herta Müller kommt als Nobelpreisträgerin zurück in ihr oft besuchtes Tübingen. Vor der Lesung aus »Atemschaukel« unterhält sie sich über ihre Schreibarbeit

Von der Hand in den Kopf

VON MONIQUE CANTRÉ

TÜBINGEN. Von Herta Müller selbst mit ihrer tiefen Stimme und dem rollenden R in höchster Konzentration vorgelesen, schiebt sich Distanz zwischen ihre Worte und das geschilderte Elend. War einem beim Lesen ihres Romans »Atemschaukel« immer wieder der Atem gestockt über die viehische Behandlung der Gefangenen im sowjetischen Arbeitslager mit dem allgegenwärtigen Sterben, so bannt bei der Lesung im Tübinger Festsaal die perfekte Struktur des Textes die Emotion. Im Kapitel »Zement« verselbstständigt sich das Wort Zement durch die Repetition beinahe. Und es wird nachvollziehbar, wie Herta Müller das Medium Sprache begreift: »Es ist etwas total Künstliches.«

Das sagte sie im Gespräch mit Professor Jürgen Wertheimer, das der Lesung voranging. Die Buchhandlung Osiander hatte die Autorin bereits gebucht, bevor sie durch die Zuerkennung des Literaturnobelpreises über Nacht weltberühmt geworden war. Mit der Universität als Partner hatte sie dann angemessen auf das plötzlich vervielfachte Besucher-Interesse reagiert. So konnten am Montagabend im Uni-Festsaal 900 Besucher Herta Müllers Auftritt direkt verfolgen und als Übertragung weitere 400 im Audimax. Außerdem gab es erstmals wie bei Sport-Events ein »Livestream« im Internet über die Osiander-Homepage.

»Dass das Publikum immer so großartig war - und so nachsichtig« §§ In keiner anderen Stadt sei sie so oft gewesen wie in Tübingen, versicherte Herta Müller, die dort auch schon Poetikdozentin war. Sie liebe Tübingen: »und dass das Publikum immer so großartig war - und nachsichtig«. Und es musste ihr auch am Montag nachsehen, dass die zierliche, geradezu zerbrechlich wirkende Nobelpreisträgerin alles andere als eine Show-Frau ist. Spröde nahm sie am Schluss nach kurzer Verbeugung auf der Bühne den lang anhaltenden Applaus vom Ausgangsportal aus entgegen und verschwand dann.

Vielleicht wäre sie im Gespräch mit Duzfreund Wertheimer noch am ehesten warm geworden, doch es wurde beendet, als es gerade humorvoll und heiter zu werden begann. Nachdem sie nämlich auf sein Nachfragen hin ihre verspielte Art, mit Wörtern umzugehen, verraten hatte. Sie schneide aus »gewöhnlichen Texten« Wörter aus und klebe »Worte, die sich nicht kennen«, zusammen. Herta Müller: »Das Wort ist außerhalb des Kopfes und geht von der Hand in den Kopf. Die Materialität ist so schön. Dass man die Wörter anfassen kann.« Wenn Gewöhnliches auf ungewöhnliche Weise zusammenkomme, dann entstehe Poesie.

Sehr prosaisch wehrte sie indes die Annahme ab, sie schaffe Dichtkunst: »Das Schreiben ist auch nur eine Arbeit«. Und bekannte: »Ich kann nicht alles in Wörtern ausdrücken. Es gibt auch nicht für alles Wörter!«

Wertheimers Frage nach dem Geheimnis ihrer Sprache, die verdichte und von ihr konkret und abstrakt zugleich verwendet werde, wies sie zurück: »Ich sage immer, Sprache gibt es nicht für mich. Es geht immer um etwas, was ich sagen will. Und das versuche ich, so genau wie möglich zu machen.«

§§ »Der moralische Druck hat beim Schreiben nichts zu suchen«
 
Herta Müllers Roman »Atemschaukel« basiert auf den Notizen von Oskar Pastior, der selbst ein sowjetisches Straflager überlebt hat. Sie hatten angefangen, gemeinsam das Buch zu schreiben, als Pastior 2006 überraschend starb. Erst zwei Jahre später habe sie den Roman zu ihrem eigenen machen können - auch im Wissen, dass er das gewollt hätte, sagte sie. Dazu musste sie jedoch ganz neu beginnen: »Ich musste zu einem Ich kommen«. Die Notizen seien so intim gewesen, und in seinen Texten habe sie immer ihn gesehen. »Er hat die letzten zwei Lebensjahre zugebracht, mir seine Lagererlebnisse zu erzählen.« Dies durfte jedoch nicht in Pflichterfüllung münden: »Der moralische Druck hat beim Schreiben nichts zu suchen.« (GEA)


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