Literatur Peter Stamm liest aus seinem neuen Buch »Sieben Jahre«. Wie dicht liegen Liebe und Macht beieinander?
Verstörung aus dem Liebeslabor
REUTLINGEN. Wo er seine »ganz eigenartigen Paarbeziehungen« finde, formulierte eine Zuhörerin nach Peter Stamms Lesung aus seinem Roman »Sieben Jahre« mit vorsichtiger Umständlichkeit ihre Frage. Er lasse seine Figuren aufeinander los und schaue, was dann passiere, plauderte der Schweizer Autor bei Osiander aus seiner Schreibpraxis. »Dann kann ich die Schuld ganz einfach auf die Figuren schieben«, freute er sich sittsam gezügelt, relativierte aber gleich, unglückliche Beziehungen seien einfach interessanter als glückliche, »wobei, die sind ja eigentlich nicht unglücklich«.
Die, das sind Alex, Iwona und Sonja, das erfolgreiche Münchner Architektenpaar und die polnische »Heilige«, wie Stamm sie apostrophierte. Auslöser zu dem 300-Seiten-Text sei eine Theaterkritik gewesen über eine Inszenierung von Witold Gombrowicz »Yvonne, die Burgunderprinzessin«. »Hat jemand, der uns liebt, Macht über uns«, sei die ihm daraus erscheinende Frage gewesen. Er machte sie zum Zentrum seiner literarischen Versuchsanordnung.
Iwona ist die Außenseiterin in der Gruppe junger Architektur-Diplomanden, die 1989 im Münchner Biergarten das Leben genießen, während ihr der Heuschnupfen das unschöne Gesicht verquillt. Billige Kleider, duldsame Zurückhaltung auch noch beim dümmsten Witz der angeheiterten Runde, Alex ist sie einfach unangenehm, das geborene Opfer, das in ihm Lust auslöst, sie zu kränken.
Beziehung des Besitzens
Im Laufe des Tages und Gedränges auf der Bierbank wandelt sich die Lust zu der des Besitzens. Aus dem Gefühl der Macht über sie, die sich ihm ausliefert, beginnt er eine Beziehung mit ihr. Dabei ist sie es, die nach Küssen und Gefummel im Dunklen seine Hand packt und ihn mit zu sich nimmt. Er hingegen packt seine Lebensplanung gemeinsam mit der rationalen, schönen, blonden Sonja an, Heirat, erfolgreiches Architekturbüro, aber kein Kind. Das schenkt ihm die wieder in sein Leben getretene Iwona, ganz, das Kind sollen er und Sonja aufziehen. Soweit das Szenario, wie es Stamm seinem Publikum unterbreitete.
Beiläufig entwickelte der Autor diese sich immer dichter verwebenden Beziehungsmuster, die sich zum Galgenstrick für die Personen zu gestalten scheinen. Gelassen ist sein Erzählton, von den Dialogen in direkter Rede sehr schnell wieder die Distanz der indirekten suchend. Der sezierende Blick spart die alltäglichen Gemeinheiten im zwischenmenschlichen Umgang nicht aus, betrachtet nüchtern die von den badenden Diplomanden als Waffe gegen Iwona eingesetzte Nacktheit, mit der sie in den Eisbach springen, oder die Scham, die Sonja nach den ersten Küssen vor Alex empfindet, als sie mit ihm das Bett teilen soll. Auch für die Orte, an denen seine Romane und Erzählungen spielen, sucht er Distanz, sagte Stamm. »Was ich seit 20 bis 30 Jahren kenne, das sehe ich nicht mehr.«
Die Zuschauermenge und die rege Diskussion über seine Figuren, seinen Erfahrungsfundus und seine Textproduktion ließen spüren, dass Stamm mit seinen literarischen Versuchsanordnungen Ergebnisse erreicht, die auf intensives wie breites Interesse stoßen. (sol)