Kino - Das Filmfest Cinelatino zeigt in Tübingen und Reutlingen den argentinischen Film »Camino a La Paz«

Verbündete auf Zeit

VON THOMAS MORAWITZKY

REUTLINGEN. Der Zufall im Film »Camino a La Paz« (»Weg nach La Paz«) von Francisco Varone trifft Sebastian auf unterschiedliche Weise. Er ist jung mit Jazmin verheiratet, deren berufliche Pläne sich überraschend zerschlagen. Das Paar lebt arbeitslos vor sich hin, Konflikte schwelen. Immer wieder klingelt das Telefon, immer wieder sind die Anrufer falsch verbunden. Sebastian betreibt kein Taxi-Unternehmen. Aber schließlich packt er die Gelegenheit am Schopf und beginnt, in seinem alten Peugeot Fahrgäste zu chauffieren. Langsam steigt der Lebensstandard dieses launigen Taxifahrers – irgendwann trägt Sebastian ein frisches Hemd und ist rasiert: Ein Mann, der eine Aufgabe gefunden hat. Da kommt die Herausforderung.

Die heißt Jalil und ist ein alter Mann, ein Fahrgast, der Knoblauch kaut, allzu oft um einen Halt bittet, weil er Wasser lassen muss. Jalil möchte, dass Sebastian ihn quer durch Südamerika fährt, von Buenos Aires, Argentinien, nach La Paz, Bolivien. Er will gut bezahlen. Sebastian lehnt ab und sagt dann zu. Bald schon bittet Jalil ihn um einen Halt, aus anderem Grund: Am Rande der Fahrbahn rollt er seinen Teppich aus, um gen Mekka zu beten. Seine Reise ist eine Pilgerfahrt; gemeinsam mit seinem Bruder hofft der kranke Muslim, nach Europa übersetzen zu können, um zur Heiligen Stadt zu reisen. Ob er dort anlangt, interessiert ihn nicht: Allein die Absicht zählt.

Überfallen und ausgeraubt

Nachts, in den Hotelzimmern, die er sich mit Sebastian teilt, hängt Jalil an seiner transportablen Dialyse-Maschine. Er überredet den Fahrer, einen streunenden Hund aufzunehmen, eine Verwandte zu ihren Angehörigen zu bringen. Sebastian und Jalil werden überfallen, ausgeraubt, übernachten in einem Stundenhotel, werden durch einen Unfall von ihrer Route abgedrängt, verlieren den Peugeot in einem Fluss, trampen die restliche Strecke. Jalil ist am Ende seiner Kräfte; Sebastian bringt ihn ins Krankenhaus, macht sich selbst auf die Reise zurück.

»Camino a La Paz«, eine argentinisch-holländisch-katarisch-deutsche Koproduktion, die das Filmfest Cinelatino in Tübingen und Reutlingen zeigt, ist ein erfreulich unspektakulärer Film, das Porträt zweier sehr unterschiedlicher Männer und, vielleicht, ein leiser Kommentar zum Konflikt der großen Religionen. Christentum und Islam spielen hier keine wirklich bedeutsamen Rollen, obwohl Sebastian deutlich der christlichen Welt zugeordnet wird: Seine Lieblingsband heißt »Vox Dei«. In den frühen 1970er-Jahren wurde sie mit einer biblischen Rockoper bekannt, existiert bis heute – ihr psychedelischer, südamerikanischer Bluesrock ist der Soundtrack dieses Roadmovies.

Im Mittelpunkt des Films stehen die lebensnah und sympathisch gezeichneten Hauptfiguren. Rodrigo de la Serna spielt Sebastian; er wurde bekannt durch Walter Salles' Film »The Motorcycle Diarys« von 2004. Ernesto Suárez, in der Rolle des 40 Jahre älteren Jalil, ist in Argentinien ein angesehener Theaterschauspieler. Jalil lernt zu sterben und Sebastian lernt, das Leben anzunehmen, mit all seinen Wechselfällen: Zwei Geschichten, so verschieden wie die Charaktere, zu denen sie gehören, erzählt allein in ihren Gesichtern und Gesten, während draußen, vor dem Autofenster, ganz beiläufig die südamerikanische Landschaft vorbeistreicht und sich wandelt. Nichts ist aufdringlich an diesem Film, alles strahlt eine immer größere Ruhe aus. (GEA)



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