Figurentheater - Das Theater Tine Beutel aus der Schweiz gastiert mit dem Drama »Die schwarze Katze« nach Edgar Allen Poe beim Tübinger Festival »Sommer.Nachts.Gäste«

Tübinger Festival »Sommer.Nachts.Gäste«: Abgründe eines Trinkers

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

TÜBINGEN. Vieles ist in ist Edgar Allan Poes Kurzgeschichte »Die schwarze Katze« hineingedeutet worden: Dass da einer ist - der Ich-Erzähler nämlich -, der dem von Paulus in der Bibel formulierten Grundsatz folgt »Ich tue nicht, was ich will, sondern was ich hasse«. Willensschwäche, Unbeherrschtheit, Handeln wider besseres Wissen nennt man das - in der Philosophie »Akrasia«.

Darstellerin Tine Beutel und ein Teil der Figuren aus »Die schwarze Katze« nach Edgar Allan Poe, mit dem sie an drei Abenden in Tübingen gastierte. FOTO: THEATER TINE BEUTEL
Darstellerin Tine Beutel und ein Teil der Figuren aus »Die schwarze Katze« nach Edgar Allan Poe, mit dem sie an drei Abenden in Tübingen gastierte. FOTO: THEATER TINE BEUTEL
Auch als Beschreibung der Karriere eines Alkoholkranken lässt sich die 1843 erschienene Erzählung lesen, zumal, wenn man weiß, dass Poe selbst dem »Teufel Alkohol« verfallen war. Die Erzählsituation ist wie folgt: Der Ich-Erzähler schildert vor seiner Hinrichtung, wie es zu der Wesensveränderung eines einst weichherzigen Jungen, der er war, zu einem psychotischen Mörder kam. Infolge seiner Trunksucht hat sich die Zuneigung zu den Tieren, die bei ihm leben, in Hass verwandelt. Ein schwarzer Kater hat darunter als Erster zu leiden.

Als der Ich-Erzähler eines Tages betrunken nach Hause kommt und der Kater ihn unbeabsichtigt beißt, sticht er ihm ein Auge aus. Wenig später erhängt er das Tier an einem Baum. In seinen Fantasien und Träumen von der Spukfigur des Katers verfolgt, beginnt er das Tier zu vermissen. Er sucht nach einem Ersatz. Am Ende einer unsäglichen Gewaltspirale hat er, Leser des »Kleinen Tierfreunds«, seine Frau mit der Axt getötet und im Keller eingemauert.

Tödliche Konsequenz

Düsterer kann eine Geschichte kaum sein. Poe forscht darin ganz unakademisch menschlichen Abgründen nach. Das Theater Tine Beutel aus Kölliken im Schweizer Kanton Aargau hat den Stoff, von Frank Soehnle als Gruselfahrt der Gefühle inszeniert, beim Figurentheaterfestival »Sommer.Nachts.Gäste« auf der Probebühne des Figurentheaters Tübingen gezeigt. Im Anschluss an die erste von drei Aufführungen gab es am Freitag jubelnden Applaus.

Tine Beutel, die sämtliche Rollen spielt, als Darstellerin mit schwarzer Perücke, hantierend mit kleinen, lebensgroßen und auch mit Trickfilm-Figuren, schafft es, den Alptraum auch jenseits des eingesprochenen Textes lebendig werden zu lassen. Beklemmend sind die Bilder, die mit dem Niedlich-Puppenhaften, dem Fantastischen und der tödlichen Konsequenz spielen. Passend dazu pendelt Fredi Sprengs Musik zwischen Spieluhren-Leichtigkeit und dem Schaurig-Morbiden. Die Physiognomie des Erzählers ähnelt auffällig der Poes.

Da im linear erzählenden Stück alles ineinandergreift - wortwörtlich: Tine Beutels Hand führt die Axt wie den Schweif des Katers - kann man die Untaten des Erzählers auch als Form der Selbstverstümmelung, der Selbstabtötung deuten. Dämonisch leuchten die Augen des Katers, doch führt das auf eine falsche Fährte: Das Böse lauert im Menschen.

Figurentheaterfestival

Noch bis kommenden Freitag läuft in Tübingen das Figurentheaterfestival »Sommer.Nachts.Gäste« auf der Probebühne des Figurentheaters Tübingen, Schlachthausstraße 15. Glötzner Produktionen aus Tübingen zeigt dort täglich von 19. bis 21. Juli (Beginn 20.30 Uhr) »Consuelo, mon amour – Die Briefe des Kleinen Prinzen an seine Rose«. (GEA)

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