Konzert - Klarinettistin Sharon Kam erst bei der Württembergischen Philharmonie, dann im Einstein-Gymnasium

Traumgesang auf dem Rohrblatt

Von Armin Knauer

REUTLINGEN. Den Auftritt der israelischen Klarinettistin Sharon Kam beim Sinfoniekonzert am Montagabend in der Listhalle wird man so schnell nicht vergessen. Zum einen wegen des Klangzaubers, den die zierliche Frau in Carl Maria von Webers zweitem Klarinettenkonzert entfachte. Jede musikalische Geste kommt wie ein flammendes Statement. Der Wechsel zwischen den Klangfarbenregistern ist bei ihr wie der Sturz aus einer Welt in die andere. Und ihr Linienspiel ist von einer Prägnanz, als würde sie einem Webers Motive mit der Tuschfeder direkt aufs Trommelfell gravieren.

Klarinettenspiel mit großer Hingabe: Sharon Kam beim Auftritt in der Reutlinger Listhalle. GEA-FOTO: KNAUER
Klarinettenspiel mit großer Hingabe: Sharon Kam beim Auftritt in der Reutlinger Listhalle. FOTO: Armin Knauer
Nicht vergessen wird man Kams Auftritt aber auch wegen ihrer Körpersprache. Schon als das Orchester beginnt, zuckt es in ihr wie aus elektrischen Entladungen. Und als sie dann loslegt, biegt und krümmt sich ihr Körper förmlich unter der Musik. Jede Klanggeste Webers wird bei ihr zur körperlichen Geste, mal biegsam weich, mal zackig ungestüm. Im Gesamtpaket ergibt das ein Weber-Konzert von ungeheurem Nachdruck. Hier steht eine Frau für jeden Ton persönlich ein, mit jeder Faser.

Vom Konzertsaal in die Schule

Am nächsten Morgen steht sie mit dem Projekt »Rhapsody in School« im Musiksaal des Reutlinger Einstein-Gymnasiums. Und antwortet den Sechstklässlern dort auf die Frage: »Warum bewegen Sie sich beim Spielen so wild?« Gegenfrage der Musikerin: »Wie ist es, mit den Händen auf dem Rücken zu sprechen? Fühlt sich komisch an, nicht?« Zur Sprache gehöre die Körpersprache, und sie brauche die Bewegung mit der Musik, um die Musik in sich aufzunehmen. Beim Konzert in der Listhalle wirkt das nicht unlogisch. Bei Weber ist die Klarinette liebende und leidende Protagonistin eines Dramas - und Sharon Kam durchlebt auch körperlich dieses Drama. Sie kann dabei nicht nur extrovertiert funkeln, sie kann auch geheimnisvoll raunen wie im Mittelsatz. Eine Musik, die bei ihr wie eine dunkle Ahnung aus dem Pianissimo aufsteigt. Den Sechstklässlern am AEG wird sie am nächsten Tag verraten, dass diese Fähigkeit, leise bis zur Unhörbarkeit zu spielen, das besondere Talent der Klarinette ist. Sie nützt es in den Stücken, die sie den Schülern gemeinsam mit Pianist Michael Kuhn vorträgt; sie nützt es auch bei ihrem Auftritt in der Listhalle.

Doch insgesamt dominiert in der Listhalle am Montagabend nicht der Schatten, sondern funkelnder Sonnenschein. Weg mit der Novembertristesse! Chefdirigent Ola Rudner scheint sie schon mit purer körperlicher Energie vertreiben zu wollen. Und schon das Eingangsstück »Sommerabend«, Zóltan Kodálys Diplomarbeit als Kompositionsstudent, sehnt sich machtvoll zurück in sonnendurchflutete Sphären. Mit der ganzen Wärme von Yuko Schmidts sanft wogenden Englischhornsoli. Mit träge dahintreibenden Klangschleiern und sprühenden Ausbrüchen von Tanzlaune.

Auch Schuberts große C-Dur-Sinfonie ist eine Beschwörung von Licht und Wärme - aber nun im »Großleinwandformat«. 50 Minuten lang spürt das Orchester dem An- und Abschwellen der Rhythmik nach, zieht weit ausgreifende Spannungsbögen, hält den Klang am Leuchten. Dazwischen Magisches wie die naturhaften Hornrufe von Sebastian Schorr und Jennifer Sabini zu Beginn. Inniger Gesang der Bratschen. Das einsam-insistierende Lied der Oboe von Dennis Jäckel im zweiten Satz. Die stechenden Geigenakzente des Scherzos. Das mitreißende Pulsieren des Finales.

Ums Haar Physikerin geworden

Alles ist sehr stimmig, nur mit den Akkorden am Schluss des zweiten Satzes werden die tiefen Bläser nicht richtig warm. Und das Charisma der Posaunenrufe bleibt einmal mehr im Stoff der Bühnenvorhänge stecken. Aber wie sagte doch Ola Rudner am Ende zum Publikum: »Wir sehen uns in der neuen Halle wieder!« Denn das letzte Sinfoniekonzert am alten Schauplatz am 17. Dezember dirigiert Francesco Angelico.

Und Sharon Kam? Sie brachte mit Gershwins »Summertime« als Zugabe Licht und Wärme in den Saal. Und erzählte den Schülern am AEG am nächsten Morgen, dass sie ums Haar Physikerin geworden wäre - das war nämlich ihr Plan, falls es bis zu ihrem 25. Geburtstag nicht mit der Solistenkarriere klappen sollte. Sie erzählte auch, wie viel Arbeit hinter ihrem Beruf steckt - und dass ihre Familie auch mal genervt ist, wenn sie ihr Instrument zum Üben sogar in den Urlaub mitnimmt. Aber ihr Instrument, sagte sie, sei so etwas wie eine beste Freundin, von der man nicht mehr lässt, sobald man sie gefunden hat.

Kam verriet auch, dass sie immer noch Lampenfieber hat. Das sei wie die Aufregung vor einer Achterbahnfahrt: Auch wenn man schon oft gefahren ist, sei man vor dem Einsteigen kribbelig - aber man wisse auch, wenn sie erst fährt, dann gefällt es einem doch. So gehe es ihr mit ihren Auftritten. (GEA)



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