Konzert - Mendelssohns »Paulus« in Betzingen
Töne des Zorns
REUTLINGEN. Das Oratorium »Paulus« von Felix Mendelssohn-Bartholdy wurde am Sonntag in Betzingen vom Regionalchor Nürtingen und dem Kammerchor Stuttgart der Neuapostolischen Kirche sowie Solisten aufgeführt: Ein Werk voll romantischer Dramatik wie auch Auseinandersetzung mit barocker Kompositionskunst und reicher Ausdruckspalette.
Beim »Steinige ihn, steinige ihn« konnten den Zuhörern in der Neuapostolischen Kirche Schauer den Rücken hinunter laufen: In den expressiven Volkszorn-Szenen erreichte der Chor mit Schwung und präziser Diktion die stärkste Wirkung. Den zarten und getragenen Passagen fehlte es gelegentlich etwas an Spannung. Doch das wach und lebendig spielende Orchester sicherte mit seiner Akkuratesse die Strukturklarheit der Komposition. Unter der Leitung von Melanie Koch boten sowohl Chor wie Orchester Klangfülle, sichere Stimmführung und markante Dynamik.
Starke Solisten
Die vier Solisten zeichneten sich alle durch kraftvolle, gut fundierte Stimmen mit lyrischem Charakter aus. Sopranistin Myriam Mayer zierte dabei ihren Part mit viel Vibrato aus. In den dramatischen Passagen bewies sie leidenschaftliche Gefühlsstärke. Annika Schlicht (Alt) gestaltete ihre wenigen Auftritte differenziert, packend und intensiv.
Johannes Kaleschke verfügt über einen schmelzenden, leicht die Höhen bewältigenden Tenor, der bei Zurückhaltung etwas gepresst klingt, in den Forte-Passagen aber Reinheit und Strahlkraft entwickelt. Bassist Wieland Lemke sang mit seiner eher hellen, geschmeidigen Stimme in den leisen, nachdenklichen Partien eindrucksvoll rein, verständlich und bewies sich als einfühlsamer Textinterpret. Mit einem jubelnd vorgetragenen »Lobe den Herrn, meine Seele« fand das zweistündige Werk seinen beeindruckenden Abschluss. (sol)