Konzert in Reutlingen - Die Reutlinger Stadthalle war schockverliebt in Tim Bendzko, der für wohlige Wohnzimmeratmosphäre sorgte

Tim Bendzkos Lampenladen

VON VERONIKA RENKENBERGER

REUTLINGEN. Es war einmal - ein nettes kleines Popmärchen. Der kleine Tim singt so dermaßen gern, dass er zwischen seinen großen Auftritten auch immer ein paar nette Mini-Konzerte spielen will. Das tut er quasi in seinem Wohnzimmer, um sich besonders wohlzufühlen. Offizielles Motto: »Mein Wohnzimmer ist dein Wohnzimmer.« Ergo, so weiß es das Märchen, lässt er sich seine eigenen, privaten Wohnmöbel durch die ganze Republik karren. Schon seit Jahren. Auf den mittelgroßen Bühnen dieses Landes werden sie dann flugs aufgebaut, weinrote Retro-Plüsch-Sesselchen und brokatbortige Stehlämpchen. Voll gemütlich!

Zwischen Umzugskartons, Wohnzimmermöbeln und massenhaft Lampen: Sänger Tim Bendzko in der Stadthalle.
Zwischen Umzugskartons, Wohnzimmermöbeln und massenhaft Lampen: Sänger Tim Bendzko in der Stadthalle. FOTO: Gerlinde Trinkhaus
Rund 950 zahlende Gäste wollten am Donnerstag in Tim Bendzkos Pseudo-Wohnstube sitzen und ans flauschige Märchen der transportablen Gemütlichkeit glauben; sie kamen in die Reutlinger Stadthalle zum »Wohnzimmerkonzert«, die Halle war beinah voll. Und man kann ja über die Vermarktungslösung denken, was man will - diese Kollektion an Stehlampen, Tisch- und Hängeleuchten war sehenswert. In Bendzkos Lampenladen würde man gern mal shoppen.

Berührend bis überzuckert

Fürs Ohr war der Abend ähnlich angenehm wie fürs Auge. Tim Bendzko kennt man seit seinem ersten Hit »Nur noch kurz die Welt retten«, das war 2011. Inzwischen rotiert in den Radios auch »Wenn Worte meine Sprache wären« und »Keine Maschine«, letzteres vom 2016 erschienenen, dritten Album. Genügend Stoff für einen langen Liederabend, und tatsächlich spielte Bendzko nach den ersten knapp anderthalb Stunden nochmal rund 40 Minuten Zugaben.

Mit Kapuzenpulli unterm Sakko kam er auf die Bühne, die ideale Mischung aus Knuffigkeit und Vorzeigbarkeit, perfekt für Schwiegermutter wie Tochter. Sein weibliches Publikum liebt ihn sowieso innigst, das war auch am Donnerstag vom ersten, schockverliebten Moment an klar.

Musikalisch war nicht arg viel zu meckern: Die vier Herren der Band, ebenso sehr gut wie sehr gutgelaunt, lieferten einen perfekten Teppich. Bendzkos angenehme Stimme hat Schmelz, die hört man gern, auch wenn stellenweise die Intonation wackelte und er manche hohen Töne nicht ganz schaffte. Erstaunlich nervig, wie Wände und Schächte der Stadthalle bei bestimmten tiefen Frequenzen schnarren und vibrieren.

Dafür kann Bendzko natürlich nix. Der Abend zeigte: Die Grenze zwischen Deutschpop und Schlager ist fließend. Manch ein Gefühl wird in Bendzkos Liedern klug, poetisch und berührend beschrieben. Andere Herz-Schmerz-Textpassagen sind umso beliebiger oder schlicht überzuckert.

Dasselbe gilt wohl für die Art, mit Publikum zu interagieren. Bendzkos Umgang mit einer auf die Bühne geholten Frau, sein gefälliges Wohnzimmer-Märchen und weichgespülte Sprüche wären 1:1 auf einer Schlagerbühne denkbar.

Das vielleicht traurigste Detail wurde am Donnerstag sogar gefeiert: Die erste Hälfte saßen sie brav, all die glühenden Verehrerinnen, sangen und klatschten. Erst als Tim Bendzko zwei Hits von anderen Künstlern anstimmte, riss es die Leute von ihren Hinterteilen: »1001 Nacht«, der Partykracher von Klaus Lage, und »Verdammt, ich lieb dich« von Matthias Reim wurden begeistert tanzend gefeiert.

Nach diesem Brandbeschleuniger klappte es auch mit ein paar Tänzchen zu Bendzko-Songs. Ob er denselben Effekt mit eigenem Material erreicht hätte - fraglich. Aber, alte Griller-Weisheit, den optimalen Einsatz von Brandbeschleuniger muss man ja auch erst mal beherrschen. (GEA)

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