Konzert - The Cure haben als Band vierzig Jahre auf dem Buckel und klingen in der Schleyerhalle doch alterslos und ewig

The Cure: Die Melancholie der jungen Jahre

VON THOMAS MORAWITZKY

STUTTGART. Schließlich tritt er auf: Die Scheinwerfer umspielen gleißend den Mann mit der wuscheligen schwarzen Kunstfrisur auf der Bühne der Stuttgarter Schleyerhalle. Robert Smith steht da, natürlich ganz in Schwarz, sehr aufrecht, die Gitarre in der Hand. The Cure sind unverkennbar, vom ersten Augenblick, vom ersten Ton an.

Robert James Smith und Simon Gallup von The Cure in der Schleyerhalle.
Robert James Smith und Simon Gallup von The Cure in der Schleyerhalle. FOTO: Jürgen Meyer
Ihr Sänger ist eine Ikone, ihr Sound ist einmalig. In Stuttgart werden sie am Sonntagabend gefeiert, von einem Publikum, das sie niemals vergessen hat. 12 000 Menschen füllen die Halle, die Altersgruppe ist scharf umrissen. The Cure haben eine Generation geprägt, und diese Generation, so scheint es, will vollständig bei ihrem Konzert dabei sein, freut sich gespannt auf die Wiederbegegnung mit der eigenen Jugend.

Es waren die frühen 1980er-Jahre, die Zeit der New Wave, die sich noch nicht ganz vom Punk gelöst hatte, die Zeit, bevor Gothic sich als eigenes Genre erfand. Es herrschten die Synthesizer – und The Cure gehörten zu den wenigen Bands, die sich mit einem trockenen Gitarrensound, der so gar nichts mit den 1970ern zu tun hatte, von dieser Mode absetzten.

Hypnotischer Klangteppich

Robert Smith, das blass geschminkte Gesicht, der Lippenstift, der schwarze Haarbausch, war der Dandy ewiger Melancholie, ein großes narzisstisches Kind, lebensmüde und poetisch, Hauptfigur eines schwarzromantischen Märchenbuches, Heros aller sanftmütig Introvertierten. »Boys don't cry« – so hieß der erste große Hit, am Sonntag wird er erst in der Zugabe erklingen.

Keiner konnte jammern, klagen, so wie Robert Smith es konnte, mit fantastisch larmoyanter und doch großer Stimme. In diesem Lebensüberdruss steckte ungeheure Vitalität. Er kann es noch immer, schlägt seine Gitarre, die sich nie in den Vordergrund drängt, gemeinsam mit der Band einen hypnotischen Klangteppich webt, eine dunkel glühende Fläche aus harten Riffs, in denen schemenhafte Melodien umhergleiten, auf die er seinen geisterhaft leidenschaftlichen Gesang legt.

Im Konzert wachsen die Stücke von The Cure über sich hinaus: Die Band dehnt sie zu instrumentalen Mantras, weiten Feldern, bearbeitet von Simon Gallups schwerem, energischem Bass, dem Keyboard von Roger O'Donnel, der Rhythmusgitarre von Reeves Gabrels, den Schlagzeugwirbeln von Jason Cooper, die mit wilder Monotonie voran drängen. Und immer wieder brechen diese Strecken, in denen The Cure gemeinsam mit ihren vielen Fans versinken, auf und lassen einen großen Hit der Band frei.

Fans der ersten Stunde verehren nur die frühen Alben; die größten Erfolge von The Cure jedoch kamen später – mit »The Head on the Door« von 1985, mit »Desintegration« von 1989 schließlich. Auf ihnen finden sich die meisten Stücke des Konzertes – der wunderbare Pop von »Inbetween Days« und »Just like Heaven« springt schon früh ins Ohr; mit dem Titelstück von »Desintegration« endet das erste Set. Wer nun dachte, The Cure verabschiedeten sich nach nur 75 Minuten von ihren Fans, der wird glücklich enttäuscht.

Drei Zugaben spielt die Band um den 57-jährigen Smith, jede von ihnen dauert mindestens 20 Minuten. Die erste endet mit dem treibenden, mysteriösen »A Forrest«; die zweite beginnt mit den Spinnennetzen von »Lullaby«; die dritte schließlich beschert die altgeliebten Ohrwürmer. Ganz ohne Gitarre diesmal steht Smith am Mikrofon, tanzt und singt »The Lovecats«. Dann: »Let's go to Bed«, »Friday I'm in Love«, schließlich auch »Boys don't cry«, »Close to me«. Zuletzt »Why can't I be you?« – und es ist vorbei. Man reiste durch die Zeit und fand zu sich selbst zurück.

The Cure klingen 40 Jahre nach ihrer Gründung alterslos und ewig. Und all die Menschen, die sich am Sonntagabend noch einmal so angezogen, so gefühlt haben, als wäre 1985, strömen aus der Halle und haben mehr als nur ein Konzert erlebt. (GEA)

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