Musiktheater - Die Wallander-Oper »W – The Truth Beyond« als universitäres Großprojekt in Tübingen

Suche nach Täter und eigenem Ich

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

TÜBINGEN. Fast ein Vierteljahrtausend ist es her, dass in Tübingen zuletzt eine Oper uraufgeführt wurde. »Il cacciatore deluso« (Der verführte Jäger) von Niccolò Jommelli war das im Jahr 1767. Den Auftrag für das Werk hatte Herzog Karl Eugen von Württemberg gegeben.

Seit Freitag nun aber ist die Universitätsstadt erneut Opernstadt. Im Uni-Festsaal wurde die Wallander-Oper »W – The Truth Beyond« aus der Taufe gehoben. Komponist Fredrik Sixten und Librettist Klas Abrahamsson wurden bei der Uraufführung mit stehenden Ovationen gefeiert. Beide stammen, wie der Held der Geschichte, die Roman- und Filmfigur Kurt Wallander, aus Schweden, wo die rund 350 000 Euro teure Produktion im August sieben Mal zu erleben sein wird.

Satten Applaus gab es auch für die Gesangssolisten, die zum Teil von der Musikhochschule Stuttgart kommen, den Akademischen Chor der Universität Tübingen, die Württembergische Philharmonie Reutlingen und das Team um Universitätsmusikdirektor Philipp Amelung, der das Opernprojekt mit 120 Mitwirkenden initiierte und die Uraufführung in beeindruckender Klarheit leitete.

Heimspiel für Johannes Fritsche

Julia Riegels Regie macht Wallanders Ringen mit einer sich abzeichnenden Demenz und einer Schuld sichtbar, die er vor Jahren auf sich lud, als er mit Vehemenz einen, wie sich zeigt, Unschuldigen hinter Gitter brachte.

Die Opernhandlung setzt dort ein, wo Henning Mankells (1948–2015) letzter Krimi aus der Wallander-Reihe endete. Der Kommissar wird gerade von seinen Polizeikollegen in Ystad in den Ruhestand verabschiedet, als der Ex-Sträfling Tobias Jonsson hereinplatzt und Wallander mit dem Mord an seinem Vater Anders Jonsson 15 Jahre zuvor konfrontiert. Tobias behauptet, nicht der Täter gewesen zu sein, obwohl er für die Tat büßte. Wallander macht sich Selbstvorwürfe und setzt alles daran, die Sache aufzuklären. Bald zeigt sich, dass damals nicht alle, die das Mordopfer näher kannten, befragt wurden.

Widerwillig beugt sich die Polizistin Linda Wallander dem Wunsch ihres Vorgesetzten und hat ein Auge auf ihren Vater Kurt. Einen mürrischen alten Kauz nennt sie den von Demenz Gezeichneten und singt auf Englisch »Ich will nicht Mutter meines Vaters sein«. Lisbeth Rasmussen Juel, 1988 in Kopenhagen geboren, hinterließ in der Rolle der Linda mit ihrem energischen Auftreten und charaktervollen Gesang einen der stärksten Eindrücke bei der Premiere.

Der gebürtige Tübinger Johannes Fritsche hatte als Mordopfer Anders Jonsson ein Heimspiel und wurde entsprechend – auch wegen seiner herausragenden Bühnenpräsenz und Stimme – mit großem Jubel bedacht. Der sprechende Name Anders deutet an, dass sich hinter dieser Figur ein übersehenes Faktum, ja, eine ganze Geschichte verbirgt. An Wallander ist es, das Geheimnis zu lüften oder – aus Rücksicht auf die Opfer – zu schweigen.

Einen verzwickten Fall haben Sixten/Abrahamsson da vorgelegt. Nicht so sehr in kriminalistischer Hinsicht, aber, was Wallanders inneren Konflikt als Polizist und Mensch betrifft. Der Argentinier Matias Bocchio legt Kurt Wallander stimmlich überzeugend zwischen einem in Erinnerungen Schwelgenden (gemeinsam mit der Geliebten des Mordopfers, die er von früher kennt) und nach verborgener Wahrheit Suchenden an. Stärkster Moment im ersten Akt ist die finale Szene, in der alle Protagonisten mit ihren musikalischen Motiven zu irisierenden Klängen im Orchester ihre zentralen Fragen einbringen.

Thérèse Wincent ist als Christina Berglund Bindeglied zwischen Wallander und Anders Jonsson – beide hat sie geliebt. Gleichzeitig ist sie, wie ihr Bruder Fredrik Berglund (Volker Bengl), des Mordes verdächtig. Wincent und Bengl glänzen wie Gustavo Martín Sánchez als Ex-Sträfling Tobias Jonsson besonders im zweiten Akt in ihren Rollen.

Fragen an die Gesellschaft

Der Universitätschor singt begeisternd gut und meistert den Spagat zwischen narrativer Funktion und einem Aufzeigen des Innenlebens der Figuren, vor allem Kurt Wallanders. Wenn es um die multiple Persönlichkeit des alternden Titelhelden geht, tragen die Chorsänger Masken mit Wallanders Gesicht. Das Mordopfer – und mit ihm all die Geheimnisse, die sich um die Person Anders Jonsson ranken – ist als Mumie auf der Bühne präsent. Die Aufarbeitung des Falls wird in Rückblenden erzählt, die jeweils eine der Figuren einleitet.

Trotz des statischen Bühnenbilds (Szenografie-Leitung Susanne Marschall) funktionieren die Orts-, Stimmungs- und Perspektivwechsel gut. Das ist nicht zuletzt den Videosequenzen zu verdanken, die den Bühnenraum für fragmentarische Einblicke in die Psyche einzelner Figuren öffnen. Drei Leinwände bilden in dieser Weise Fenster in die Vergangenheit oder verdeutlichen gegenwärtige Zustände.

Sixtens Musik, geprägt von melodischen und sanglichen Linien mit gelegentlichen Durchbrüchen von choralartiger Kirchenmusik, Volksmusikalischem, Musicalhaftem und Atonalität, erweist sich als düster und packend. Da der Festsaal der Universität keinen Orchestergraben besitzt, muss sich die Württembergische Philharmonie etwas zurücknehmen, um nicht die Sänger zu übertönen. Ihr Spiel bleibt dennoch sehr farbig und beweglich.

Und die Opernhandlung? Sie stellt mit ihrem offenen Ende Fragen an die Gesellschaft, wie sie Henning Mankell nicht besser hätte formulieren können. Es bleibt der Eindruck eines musikalisch spannenden und inspirierenden Abends.

»W – The Truth Beyond« wird am heutigen Montag, 18. Juli, um 19.15 Uhr in der Neuen Aula ein letztes Mal in Tübingen gespielt. Die Aufführungen im Theater von Ystad finden zwischen 13. und 21. August statt. (GEA)

www.wallander-opera.de







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