Neujahrskonzert - Das Saxofonquartett Clair-obscur zu Gast bei der Württembergischen Philharmonie

Subtiler Swing aus vier Rohren

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Oft kommt es anders als gedacht. Als die Planer der Württembergischen Philharmonie ein ganzes Neujahrskonzert mit Amerikanischem bestückten, hatten sie wohl die robuste Vitalität der USA im Sinn. Damit sollte sich ein Jahr kraftvoll starten lassen – zumal eins, in dem man einen neuen amerikanischen Chefdirigenten begrüßen würde.

Das Ensemble Clair-obscur bei der Zugabe: (von links) Jan Schulte-Bunert, Maike Krullmann, Christoph Enzel, Kathi Wagner.
Das Ensemble Clair-obscur bei der Zugabe: (von links) Jan Schulte-Bunert, Maike Krullmann, Christoph Enzel, Kathi Wagner. FOTO: Armin Knauer
Damals war noch nicht klar, dass in just derselben Woche ein Mann als US-Präsident vereidigt würde, dessen robuste Vitalität doch eher beängstigt. So bekam der amerikanische Start ins Jahr eine zwiespältige Note. Den Verantwortlichen war das nicht entgangen. Wohl noch nie hat Intendant Cornelius Grube so oft und vehement in einer einzigen Rede auf die Grenzen überwindende Kraft der Musik gepocht wie beim Empfang nach dem Neujahrskonzert am Montagabend in der Stadthalle. Und Oberbürgermeisterin Barbara Bosch beharrte völlig zurecht darauf, dass man den kulturellen Reichtum Amerikas nicht vergessen dürfe – ein Präsident Donald Trump hin oder her.

Lebenslust aus Kuba

Das Konzert selber hatte auf das Dilemma seine ganz eigene Antwort parat. Indem es mit der Musik eines US-Amerikaners begann, George Gershwin, der sich jedoch ganz und gar dem Zauber Kubas hingab. Einer Gegend also, die ein Präsident Trump am liebsten per Mauer blickdicht wegsperren würde.

Fast wie zum Trotz sprudelten die aufgekratzten Rhythmen mit einer Lebendigkeit, als wollten sie sagen: Wenn das erstmal alles ausgesperrt ist, dann wird es öde im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier ein lasziv zuckendes Samba-Tänzeln, dort ein geschmeidiges Rumba-Wiegen, das Ploppen der Bongos, das Wispern der Rasseln, das Klicken der Klangstäbe, das Schrapen des Reibeholzes – all das verband sich zu einem vibrierenden Rhythmusteppich.

Darüber blitzende Blechbläser-Breaks, luftig wirbelnde Holzbläser, filigran tänzelnde Geigen, für die Dirigent Daniel Meyer das Geschehen extra geschmeidig herunterdimmt: für Momente intimer Anmut im Streichergewand, ehe die Feierlust wieder fröhlich aufbrandet.

Auch ein US-Amerikaner, dieser Daniel Meyer. Wendig, agil und elegant in seinem Dirigat. Geistreich und klar in seiner Interpretation, jede Bewegung kultivierte Anmut – eine Trump-Antithese in Person. Bob Mintzers symphonische Jazz-Suite »Rhythm of the Americas« hält er wunderbar beschwingt im Fluss.

Nicht nur die Schlagwerker der Philharmonie sind auch hier ganz in ihrem Element, sondern vor allem auch die vier Solisten des Saxofon-Quartetts Clair-obscur. An Sopran-, Alt-, Tenor- und Baritonsaxofon verwandeln sie sich wie Chamäleons immer neuen Sphären an. Und machen dabei mit Mintzer auf ihre Weise klar, dass Amerika mehr als Trump ist.

So ist der Kopfsatz eine Hymne an das ursprüngliche Einwandererland der USA. Keck wiegt sich Jan Schulte-Bunert am Sopransaxofon in englischen und irischen Volksweisen und Quäkerhymnen, ehe sich Maike Krullmann am Altsax, Christoph Enzel am Tenorsax und Kathi Wagner am Baritonsax anschließen. Im zweiten Satz weben sie mit flackernden Motiven an wild wirbelnder Afro-Rhythmik mit. Ehe sie im dritten Satz den betörenden Schmelz ihrer Instrumente verströmen, der über dem zart changierenden Klangteppich des Orchesters in einer sanft dahinwogenden Jazzballade schwebt. Vom samtigen Timbre des Altsaxofons von Maike Krullmann gleitet der Hörer sanft in das goldene Glänzen von Christoph Enzels Tenorsax, von dort in das silbrige Schimmern von Jan Schulte-Bunerts Sopransax, zuletzt in das innige Raunen des Baritonsax von Kathi Wagner.

Betörende Zugaben

Die zwei Zugaben des Quartetts sind ein Ereignis. Piazzollas »Libertango« lassen die vier aus Einzelteilen zusammenfließen, indem die beiden Melodiespieler Krullmann und Schulte-Bunert sich durch zwei verschiedene Seiteneingänge dem Rest des Ensembles nähern. Ein Quartett von Philip Glass mit seinen rotierenden Motiven musizieren sie als ein entrücktes Kraftfeld, über dem die Melodietöne wie Lichtreflexe aufblitzen. Magisch! Nach der Pause ein 1940 in Amerika entstandenes Stück, das letztlich doch ein russisches ist: die »Sinfonischen Tänze« von Sergei Rachmaninow. Auch da ist Daniel Meyer in seinem Element. Kitzelt mit dem Orchester den funkelnden Esprit des Kopfsatzes aus der Partitur. Ein Traum an diesem Tag die Holzbläser-Idylle im lyrischen Zwischenthema, vor allem auch die Saxofonlinien von Christoph Enzel, der hier das Orchester verstärkt.

Delikate Verzögerungen gelingen im sanft walzernden zweiten Satz. Sehr organisch wirken die Stimmungsumschwünge im Finale mit seinem Schwanken zwischen Wehmut und Jubel. Spanisches Feuer schwingt da mit, aber auch die pochenden »Dies Irae«-Motive der Totenmesse. Der Skeptiker Rachmaninow sah die Zukunft düster. Der Philharmonie könnte hingegen mit ihrem neuen Chefdirigenten Fawzi Haimor, der im September kommt, neue Aufbruchsstimmung ins Haus stehen. Den entsprechenden Elan hat sie schon mal vorgelegt. (GEA)



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