Ausstellung in Degerschlacht - Von der bissigen Ironie geblümter Stoffe: Yvonne Kendall zeigt unter dem Titel »Keeping The Balance« Stoffobjekte und Wandarbeiten in der Galerie Thron

Stoffkunst von Yvonne Kendall: »Wir waren wild«

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN-DEGERSCHLACHT. Es ist eine Sphäre des Weiblichen, in die man da eintaucht, wenn man die eben eröffnete Ausstellung von Yvonne Kendall in der Galerie Thron betritt. An der Wand drapierte Kleider, mit Schönschrift bestickte Blümchenstoffe, große Stoff-Figuren, die wie Plüschtiere wirken. Wie niedlich!

Rollenklischees hinterfragt: Kendall zwischen ihren Kleidskulpturen.
Rollenklischees hinterfragt: Kendall zwischen ihren Kleidskulpturen. FOTO: Armin Knauer
Doch wer sich beim ersten Hinsehen in die weibliche Wohlfühl-Sphäre kuschelt, wird beim zweiten Hinsehen mit Ironie abgewatscht. Die an die Wand gepinnten Kleider sind gar keine, sie tun nur so. In Wirklichkeit hat Kendall Vorhangstoff aus den 1950er-Jahren mit Stärke getränkt und vor dem Trocknen am Boden so hindrapiert, dass es so aussieht, als ob.

Die hübsch bestickten Blümchenstoffe (auch aus den 50ern) offenbaren beim näheren Hinsehen veritable Kraftausdrücke. »What the fuck!« ist mit »Was zum Henker!« noch zartfühlend übersetzt. Andere Tüchlein ziert das Äquivalent für »Bullshit« – oder, wenn man's genau sagen will, für »ein Haufen Scheiße«, wie die Künstlerin ganz unblumig erklärt. Und die beiden großen »Plüschtiere« sind Textilskulpturen einer Löwin und eines Lamms. Wer fährt hier gleich die Zähne aus? Wer ist hier das Opferlamm?

Die vielen Rollen einer Frau

Sie sei ein Kinder der 1980er, erklärt Kendall, die in Australien aufgewachsen ist. »Wir waren wild!«, betont sie. Für ihre Generation habe es als ausgemacht gegolten, dass überkommene Geschlechterrollen abzustreifen seien. »Heute erleben wir einen Schritt zurück zu alten Mustern«, ist ihr Eindruck, zurück in die 1950er – deshalb 50er-Stoff als Material. Und ihrem Frust über die Rückwärtsrolle macht sie in gestickten Verbal-Attacken Luft.

Wobei der erträumte Ausbruch aus Rollenklischees in der Realität zu einer Vielzahl von Rollen geführt hat: als Künstlerin, Mutter, Dozentin, Ehefrau. Statt der Freiheit von Zwängen heißt es nun, ganz viele Anforderungen auszubalancieren. Darauf spielt der Ausstellungstitel »Keeping The Balance« an. Treffend gefasst in der Plastik einer Stofffrau, die auf den Borsten eines Besens balanciert.

Regina M. Fischer, Kunsthistorikerin aus Pforzheim, hat das in ihrer Einführungsrede ganz sinnig geschildert – und auch einen Seitenhieb gen USA platziert, wo dieser Tage ein ausgemachter Macho auf dem Präsidentensessel Platz nahm.

Sie hat aber auch die anderen Facetten der Künstlerin nicht ausgespart. Da gibt es ja auch noch Yvonne Kendall, die Erzählerin des Fantastischen. Die aus gläsernen Lampenabdeckungen und Stoff eine geheimnisvoll bizarre Unterwasserwelt von Quallen und Mollusken zaubert.

Es gibt Yvonne Kendall, die Erzählerin des Mystischen, die Unterarme aus farbigem Stoff bildet und geometrische Kleinode in die textilen Hände legt – als würde jede dieser Hände ein Wunder behüten. Auslöser sei gewesen, erklärt Kendall, dass sie aufgrund einer Sehnenscheidenentzündung durchs Renovieren monatelang ihren Arm nicht benutzen konnte. Schließlich gibt es Yvonne Kendall, die Erzählerin des Geometrischen, die Kreisbahnen über eine Karte Reutlingens zieht und jene Bereiche, in denen sich die Kreisbahnen schneiden, ausstanzt und neu gruppiert. Sodass sich konkrete Landschaft in abstrakte Formen auflöst.

Doch egal, ob Geschlechterrollen, Geometrie oder Unterwasserwelt: Die (meist dreidimensionale) Bildwelt der Yvonne Kendall ist immer vielschichtig, offen für vielerlei Deutungen und voll hintersinnigem Humor.

Zu sehen ist die Schau in der Galerie Thron, Talstraße 30/1 in Degerschlacht, bis 12. März, Donnerstag und Freitag 15 bis 18 Uhr, Sonntag 15 bis 17 Uhr. (GEA)

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