Herbstliche Musiktage - Das Vocalensemble Rastatt besingt in der Dürnitz in feinsten Schattierungen das Unterwegssein

Stimmstarke Rückkehr ins Schloss

VON ARMIN KNAUER

BAD URACH. Wie gut, dass Festivalleiter Florian Prey der Geduldsfaden gerissen ist. Länger mochte er nicht mehr auf das Residenzschloss als Zentrum der Herbstlichen Musiktage verzichten. Weil der Palmensaal mangels hinreichender Fluchtwege frühestens 2019 nach der Brandschutzsanierung wieder bespielt werden kann, ging er eben in die Dürnitz ins Erdgeschoss. Obwohl die Akustik dieser Säulenhalle mit ihren gotischen Bögen gefürchtet ist. Genau dorthin beorderte Prey das Vocalensemble Rastatt, und zwar mit dem inhaltlich zentralen Konzert zum Festivalmotto »Unterwegssein«.

Gott sei Dank, denn das angebliche akustische Minenfeld entpuppte sich als Kammermusik-Ambiente erster Güte. Es ist wie oft bei diesen Gemäuern: Sind sie leer, brandet der Schall von Wand zu Wand; sitzt Publikum im Saal und bremst das Schall-Gewoge, wird's richtig gut. Die Stimmen des zwanzigköpfigen Vocalensembles entwickelten hier jedenfalls schwebende Leichtigkeit und seidigen Glanz wie ein Traum.

Freilich wussten die Schützlinge von Dirigent Holger Speck auch trefflich mit dieser Akustik zu spielen. Wunderbar, wie sie in Schumanns »Zigeunerleben« die Glanzlichter tanzen lassen. Wie sie in Brahms' »An die Heimat« die vielfältigen Impulse verzahnen. Wie sie Schumanns »Mondnacht« als gleichsam immaterielles Stimmgewebe im Raum schweben lassen. John Wilbyes Renaissancelied »Adieu, Amaryllis« bettet ein Solistenquartett liebevoll auf ein Polster aus Wehmut. Und in Schumanns »Zigeunerleben«, dann auch als Zugabe nochmal , blitzen die solistischen Einwürfe so hell und geheimnisvoll wie der Schein des Lagerfeuers.

Der Bogen setzt bereits in der Renaissance ein. Ein Lautenstück von John Dowland, gespielt von Toshinori Ozaki, wirkt hier ganz nah und innig intim, doch gleichzeitig auch voll und glänzend.

Unterbrochen wird der Stimmreigen von Rezitationen. Die Stimme von Karl Rudolf Menke, über Mikrofon abgenommen, kommt klar und verständlich. Ob Shakespeare-Sonett, Rilke-Gedicht oder Geistreiches von Nietzsche: Menke legt in seiner Sprachgliederung subtil den Hintersinn dieser Zeilen zum Unterwegssein frei. Gibt hier einen Funken Humor bei, verharrt dort auf einem Moment des Nachdenkens. Und wenn er mit Goethe die Liebe feiert, dann so mitreißend, dass sogar Szenenapplaus aufschallt.

Den instrumentalen Part übernahm, sobald man in die Romantik gelangt war, die Pianistin Anne le Bozec. An einem extra kurzen Flügel, den man zur vom Publikum abgewandten Seite geöffnet hatte, damit er die Akustik nicht überforderte. Resultat ist ein warmer, anschmiegsamer Klang, der sich wie in Inseln des Nachdenkens zwischen all die Gesänge von Fernweh und Heimkunft schiebt: in »Liedern ohne Worte« von Mendelssohn, in Brahms' Intermezzo Opus 118/1. Sehr einfühlend gezeichnet, ohne jede Spur von Sentimentalität. Wunderbar. So rundet sich inhaltlich und musikalisch ein stimmiger Bogen zum Unterwegssein, der mit Gondel-Hochgefühl von Schubert und Rossini wohlgemut ins Ziel wogt. Für die Musiktage war es ein erster Schritt zur Heimkehr. Ein guter. (GEA)

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