Projekt - Susanne Immer hat im Rahmen des Kunst-Radwegs »Sculptoura« bei Böblingen den 9. Meridian markiert

Stecknadeln auf dem Längengrad

VON ARMIN KNAUER

ALTDORF. Manchmal muss man in der Kunst einfach groß denken. Susanne Immer hat ganz groß gedacht. Und hat bei Altdorf im Kreis Böblingen einen Meridian abgesteckt. Einen Längengrad also. Und der geht ja nun prinzipiell einmal um den Globus. Oder wenn man den Begriff »Meridian« ganz genau nimmt, dann bezeichnet er eigentlich nur einen halben Längengrad. Geht also einmal vom Nordpol bis zum Südpol oder umgekehrt.

Die Geografen haben die Meridiane hübsch durchnummeriert, und einer von ihnen, die Nummer neun, geht nun zufälligerweise mitten durch Böblingen. Kurz bevor er von Norden kommend auf die Stadt trifft, kreuzt er bei Altdorf einen Kunst-Erlebnis-Radweg namens »Sculptoura«. Das brachte die Betreuer des Radwegs auf dem Böblinger Landratsamt um Tourismus-Chef Siegfried Zenger auf eine Idee. Ein neues Kunstwerk am Wegesrand sollte auf den Meridian hinweisen.

Die Wahl fiel auf die Reutlingerin Susanne Immer. Man kannte sie, weil sie an dem Skulpturenweg schon vorher beteiligt war. Und sie entschied sich, den Meridian auf die direkteste Art sichtbar zu machen: mit übergroßen Stecknadeln, die in der Landschaft stecken. Genau so, wie manche daheim auf der Landkarte ihre Urlaubsziele mit Stecknadeln markieren.

»Sie glauben nicht, wie unterschiedlich groß Stecknadeln sind« §§ Da stecken sie nun mitten in einem Feld, als habe ein Riese die Erde selber als Pinnwand benutzt: neun »Stecknadeln« entlang einer gedachten Linie von 50 Metern Länge, jede sechs Meter hoch. Keine steht gerade, sondern jede ein bisschen anders schräg, wie zufällig, »so wie wenn man Dartpfeile werfen würde«, erläutert die Künstlerin.

Aha, hier läuft er also durch, der ominöse neunte Längengrad. Wenn man den Blick weiter schweifen lässt, bleibt er in hundert Metern Entfernung an einer weiteren Nadel hängen. Und noch mal weiter hinten steckt noch eine Nadel in der Landschaft. Denn die gedachte geografische Linie hört ja nicht am Feldende auf. Sondern erstreckt sich immer weiter über Feld, Wald, Städte, Gebirg' und Meere. Durch Böblingen, Genua, Tunesien, die Sahara und Nigeria bis zur Antarktis.

Es ist genau dieses Grenzüberschreitende, das Susanne Immer interessiert. Weshalb sie dieses auf den ersten Blick so simple Spiel mit Riesenstecknadeln in der Landschaft entfacht. Der Meridian, dieses erstaunliche Konstrukt menschlicher Vereinbarung, macht nicht Halt vor Grenzen, er verbindet Länder, Klimazonen und Kulturen. Und er zeigt als die Vereinbarung, die er ist, dass sich im Zweifelsfall auch mal die gesamte Menschheit auf etwas einigen kann. Auch wenn es nicht oft passiert. Hier zumindest hat es funktioniert, und das macht Hoffnung. »Das zu visualisieren, gerade heute, das ist mir wichtig«, betont Immer.

Deshalb ist ihr Traum auch, das spielerische Markieren des Meridians noch viel weiter zu treiben. Wenn es nach ihr ginge, könnten ihre Riesenstecknadeln auch in Husum, in Genua und in Tunesien den Meridianverlauf markieren. (In Tunesien käme man da etwa am riesigen Stausee Sidi el Barrak vorbei.) Das ist keineswegs nur als Gedankenspiel gemeint. Im zweiten Halbjahr, sagt sie, wolle sie anfangen, Städte und Gemeinden anzuschreiben. Solche, die auf dem neunten Meridian liegen, zunächst in Deutschland. Mal sehen, ob sie damit auf Interesse stößt.

Das Interesse auf dem Böblinger Landratsamt war jedenfalls groß. Plötzlich ist ein kleiner Flecken Erde an der Peripherie des Großraums Stuttgart mit der halben Welt verbunden. Auch mit der tunesischen Talsperre Sidi el Barrak. Kaum aufgestellt (Einweihung der jetzigen Version war am 17. Juli), waren Immers Stecknadeln schon Anlass für ein Schulprojekt. Eine Klasse überprüfte mit GPS-Geräten, ob die Nadeln auch tatsächlich genau auf dem 9. Längengrad stehen.

Tun sie, exakt bei 9,0000 Grad östlicher Länge. Wer Immer kennt, hätte auch nichts anderes vermutet. So verspielt ihre Arbeiten oft aussehen, so akribisch sind sie geplant. Damit ihre kurvigen Aluminiumstreifen im Dominohaus wie zufällig in die Luft geworfen wirken, hat sie bis ins Detail an der Anordnung gefeilt. Genauso bei ihren Stecknadeln. Gerade damit die Nadeln in der Sichtachse des Betrachters so zufällig und wie nachlässig in die Erde gesteckt aussehen, hat sie die Neigung jeder Nadel exakt berechnet. Damit nicht genug. Immer wäre nicht Immer, hätte sie die Proportionen ihrer Riesenstecknadeln nur so ungefähr jenen echter Stecknadeln angeglichen. Stattdessen hat sie in ihrem Atelier in Betzingen verschiedene Exemplare auf den Zehntelmillimeter genau vermessen. Lächelnd hält sie ein Stück Papier hoch, in dem die Exemplare stecken - samt der Messwerte daneben. »Sie glauben ja gar nicht, welch unterschiedliche Maße Stecknadeln haben!« Letztlich hat sie sich für ein durchschnittliches Exemplar entschieden. Vergrößert bedeutet das: 10 Zentimeter Rohrdurchmesser, 50 Zentimeter für den Kugelkopf.

§§ »Der Meridian wandert unabhängig von Kulturen um die Welt«
 
Bei der Bestimmung des genauen Standorts halfen Experten des Böblinger Vermessungsamts. »Schon interessant, wie exakt man die Erde vermessen kann«, staunt Immer. Einen Meter tief stecken die Nadeln nun im Boden. Befestigt sind sie mit verdichteter Erde. »Das hält«, versichert die Künstlerin, sie habe sich probeweise sogar drangehängt. Einbetonieren (»Das wäre mein Wunsch gewesen.«) schied aus, weil das Grundstück dem Landkreis nicht gehört. Der Bauer, der das Feld besitzt, hat einen Streifen gegen Entschädigung zur Verfügung gestellt.

Stahlrohre wie Kugeln sind Industrieware. Beides wurde mit einem Gewinde versehen, damit man es getrennt transportieren und vor Ort zusammenschrauben konnte. Die Gewinde wurden von Häftlingen in der Werkstätte der Justizvollzugsanstalt Heimsheim angebracht.

Selbst die Schattierungen der Stecknadelköpfe sind genau ausgeknobelt: Gelb, Blau, Rot, Orange und Grün, jeweils in leuchtenden Signalfarben. Sonst arbeitet die Betzinger Künstlerin mit Vorliebe mit leuchtendem Rot - das hätte sich sommers auch gut vom Grün ringsum abgehoben. »Aber im Winter, wenn alles weiß ist, funktioniert es nicht mehr«, erklärt sie. Also bunt und signalfarbig, damit die Nadelköpfe bei jeder Witterung aus der Umgebung herausstechen.

Diese Umgebung sei genau die Herausforderung. »In einem 'White Cube' (einem neutralen, weißen Ausstellungsraum, d. Red.) funktioniert alles schnell und leicht«, erklärt sie. »Hier aber, in der Natur, muss sich die Kunst gegen alle möglichen anderen Eindrücke durchsetzen.« Genau mit dieser Herausforderung zu spielen, mache ihr Spaß.

Mal sehen, wie weit sie diese Herausforderung noch trägt. Sollten Sie also eines Tages sechs Meter hohe bunte »Stecknadeln« in Husum, in Genua oder in Tunesien am Stausee Sidi el Barrak sehen, dann wissen Sie: Susanne Immer war da. (GEA)





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