Musikfest - Eine neue Interpretation der Kinderpantomime »Zaubernacht« mit der Originalmusik von Kurt Weill
Spielzeug tanzt durch die Nacht
Von Monique Cantre
STUTTGART. Der typische Kurt-Weill-Groove steckt in der Komposition für die Kinderpantomine »Zaubernacht« noch in den Kinderschuhen. 1922 war Weill 22 Jahre alt und bemüht dem russischen Theatermann Wladimir Boritsch eine nicht allzu auftrumpfende Bühnenmusik für eine szenische Aufführung unter Mitwirkung von Kindern zu schreiben.
Pferd (Erik Reisinger) und Hampelmann (Katharina Erlenmeier) treiben in der »Zaubernacht« um. FOTO: HOLGER SCHNEIDER
Seine Liebe zu den Dissonanzen und den wechselnden Rhythmen ist schon vorhanden, aber die Jazzelemente, die Härte und dazu die süffigen Melodien, die seine »Dreigroschenoper« sechs Jahre später populär machten, fehlen noch. Dennoch ist die »Zaubernacht«-Komposition für neunköpfiges Orchester eine Perle von Bühnenmusik, und dem Musikfest Stuttgart gebührt die Ehre, sie wieder zum Leben erweckt zu haben.
Die Partitur war nämlich im Dritten Reich nach Weills Flucht in die USA verloren gegangen; seine Witwe Lotte Lenya hatte nur einen Klavierauszug bewahrt. 2005 wurde bei Aufräumarbeiten im Keller der Yale University in Connecticut ein Safe mit Musiknoten gefunden, darunter die Instrumentalstimmen der »Zaubernacht«, die einst von Wladimir Boritschs Witwe der Universität übergeben worden waren. Bis auf das fehlende Abschiedslied der Fee ließ sich aus dem Material Weills Originalfassung rekonstruieren. In drei Aufführungen wurde sie nun im Theaterhaus präsentiert, begleitet von einer alles andere als historischen »Pantomime« von Nina Kurzeja.
Arte Ensemble Hannover
Das Arte Ensemble Hannover spielte hinten auf der Bühne sitzend, beim Schlagzeug doppelt besetzt, mit Klavier, Fagott und Flöte und je einem Vertreter der fünf Streichergruppen eines Orchesters. Die musikalisch führende Rolle hatte die Flöte. Vorwiegend ruhig floss der Motivstrom, der sich gelegentlich zu Tänzen - Walzer, Foxtrott, Marsch - formierte und in freundlichem Dur für die wieder in Ordnung gekommene Welt der Kinder endete. Es gibt übrigens auch eine CD-Einspielung davon.
Wladimir Boritschs Personal der »Zaubernacht« wurde von Nina Kurzeja für heutige Kinder (und ihre Eltern) radikal modernisiert und mit hintergründigen Bedeutungen ausgestattet. Das bekannte Motiv der nächtens lebendig werdenden Spielsachen ist in ihrer Choreografie mit unterbewussten Trieben verknüpft, mit Ängsten und Lüsten und Ungehorsam. Das wird der Hampelmann zum schwarzen Pierrot, der gleichzeitig ein Gevatter Tod ist, das Steckenpferd wird zum Mustang mit nacktem Oberkörper, mit dem das Mädchen wilde Spiele eingeht, oder die sexy Puppe scharwenzelt um den Jungen, der bei ihr offenbar vergisst, dass er Küssen und solche Sachen eigentlich hasst.
Video zum Beginn
Nachdem die Sopranistin Nastasja Docalu sich im Varieté-Lichter-Rahmen im Charleston-Fransenkleidchen als Spielzeugfee in einer Art rezitativischem Gesang eingeführt hatte, nahm das nächtliche Rumoren pfiffig seinen Lauf. Auf einer Projektionsfläche vor dem Kinderbett wurden zunächst wie Karikaturen die Umrisse der Figuren gezeichnet, die sich dann mit den gefilmten Porträts der Darsteller füllten (Video: Uwe Kassai). Darunter auch die prächtige Alte mit Kapotthütchen, die ein Kanisterchen Honig bringt - das war die wunderbar umgesetzte Figur des Bären. Das Stehaufmännchen flitzte auf Rollschuhen über die Bühne und der Soldat war hier ein flotter Flieger. Nina Kurzejas internationales Ensemble war ein spielfreudiges Ensemble für diese neu interpretierte uralte Geschichte. (GEA)