Klangtüftler - In der audiovisuellen Reihe machen Roboter Musik und Obertongesang verschmilzt mit Projektionen

Sonic Visions: Lauter kleine, ratternde Racker

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Es ist noch nicht lange her, da drängte es sie alle ins Digitale: die Soundbastler, die Neue-Musik-Tüftler, die Kreateure elektronischer Clubmusik. Ein Laptop, mehr brauchte es nicht, jeder Ton eine Wolke von Bits und Bytes.

Moritz Simon Geist macht seinen elektromechanischen Helferlein Beine. GEA-FOTO: KNAUER
Moritz Simon Geist macht seinen elektromechanischen Helferlein Beine. FOTO: Armin Knauer
Längst ist das Digitale normal geworden und deshalb langweilig. Eine neue Generation von Klangtüftlern drängt es deshalb wieder zum Analogen. Auch der Dresdner Moritz Simon Geist hat seine Leidenschaft für die Materie wiederentdeckt. Für eine Musik, bei der sich mechanische Teile bewegen und auf andere Teile schlagen. Am Donnerstag demonstrierte er das bei seinem Auftritt in der Reihe »Sonic Visions« von Friedemann Dähn und Thomas Maos im franz.K.

»Roboter« nennt Geist die kleinen Apparaturen, die er aus Relais, Magnetspulen und kleinen Elektromotoren zusammenlötet. Und die er auf einer Tischplatte zu einem kleinen Orchester gruppiert. Ja, es darf wieder rattern, wenn dieses Mini-Orchester loslegt! Und wenn dieses liebevoll drapierte Sammelsurium dann zu surren und piepen anfängt und dabei auch noch blinkt und blitzt, da strahlen dann nicht nur Männeraugen, als stünden sie vor der Modelleisenbahn; nein, im franz.K zücken auch Frauen ohne zu zögern ihr Handy, um die kleinen Blechkameraden bei ihrer Arbeit zu filmen.

Minimaschinen in Aktion

Es ist die Faszination am Anfassbaren, die den Reiz macht. Was noch unterstrichen wird durch Videoaufnahmen der kleinen Apparätchen, die im Takt der Beats auf eine Leinwand projiziert werden. Künstlerisch stark verfremdet allerdings, was gar nicht nötig gewesen wäre. Es hätte schon gereicht, die Minimaschinen einfach nur in Aktion zu sehen. So nahmen die gar nicht wenigen Besucher die Sache am Ende selbst in die Hand und versammelten sich am Spieltisch, um die Kerle aus der Nähe zu studieren.

Was sie von sich geben, ist eine Art lustige und sehr tanzbare Techno-Musik. Weil sie keine Noten lesen können, hat Geist ihnen die Partitur in der Programmiersprache C geschrieben. Der analogen Roboterwelt ist also in Wahrheit eine digitale Welt vorgeschaltet – mit einem Laptop als zentralem Steuerungselement. Und das Ziel, wirklich alle Töne von Minirobotern produzieren zu lassen, ist auch noch nicht erreicht. Die Bässe wummern noch elektronisch, verrät der Künstler; und für die lustig dudelnden melodischen Elemente hat er einfach einen Uralt-Gameboy in seinen Gerätepark eingebaut. Was wiederum einige männliche Besucher nostalgisch an ihre Jugendjahre erinnerte. Geist selbst hüpft während der Performance leichtfüßig zwischen seinen Apparaturen hin und her, hält hier mal den Finger dazwischen, dämpft dort mal einen Schallerzeuger ab – und gibt dem ratternden, piepsenden Roboter-Techno durch diese kleinen Störeingriffe die gewisse Lebendigkeit.

Auch der zweite Act des Abends bezog seinen Reiz daraus, dass er digitale und analoge Elemente mischt – nur ganz anders. Das Duo Hammerhaus sind der Projektionskünstler Kurt Laurenz Theinert und der elektronische Klangspezialist Axel »Timber« Hanfreich. Theinert wirft über die Tastatur eines »Visual Pianos« abstrakte Strukturen an die Wände des Saals; Hanfreich erzeugt über Synthesizer pulsierende Klanggewebe.

Dialog in Echtzeit

So weit, so elektronisch. Doch der Clou ist, dass beide ihre jeweiligen Welten unmittelbar aus dem Augenblick heraus erzeugen – und dabei ohne technische Verdrahtung aufeinander reagieren. So entsteht ein Dialog im echten Sinne.

Das kann dann mal in eine sehr raue Techno-Sphäre driften, mit metallisch pochenden Rhythmen und technoidem Linienwerk, das sich über die Wände zieht. Dann ist man plötzlich wieder in einer nostalgischen Sphäre sich überlagernder Schlagermelodie-Schleifen, zu denen Theinert die Wände mit bunten Streifenmustern »tapeziert«.

Und dann stimmt Hanfreich am Mikro mongolische Obertongesänge an, ganz mystisch, mit hohen Pfeiftönen und tief grummelndem Bass im selben Augenblick. Das Elektronisch-Futuristische kippt plötzlich ins Archaisch-Urzeitliche. Und auf den Wänden wachsen kosmische Eizellen und gebären Planeten. Und die Besucher sind plötzlich Teil der Performance, denn Theinerts Projektionen überziehen sämtliche Körper im Saal. Zeiten und Kulturen überlagern sich, die Welt ist ein Kunstwerk und wir mittendrin: So schön kann die Botschaft eines Sonic-Visions-Abends sein. (GEA)



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