Jazzfrühling - In der Katharinenkirche schafft das Projekt Klangraum mit Hannes Fessmann und Jan Henning an Gitarren und Steinen eine Musik jenseits von Genregrenzen

So könnte das All klingen

VON NADINE NOWARA

REUTLINGEN. Er betastet mit wassernassen Händen die Lamellen des schwarzen Steines und beginnt ihn fast zärtlich zu streicheln und zu reiben. Hannes Fessmann hat sich seit seiner Kindheit den Klangsteinen verschrieben und beherrscht das Spiel mit den eigentlich leblosen Gegenständen auf eine beeindruckende Art und Weise.

Musikalische Meditation auf Saiten und auf massivem Granit: Hannes Fessmann (links) und Jan Henning bei ihrem Auftritt in der Katharinenkirche. FOTO: NOWARA
Musikalische Meditation auf Saiten und auf massivem Granit: Hannes Fessmann (links) und Jan Henning bei ihrem Auftritt in der Katharinenkirche. FOTO: NOWARA
Im Rahmen des Reutlinger Jazzfrühlings, veranstaltet vom Jazzclub in der Mitte, hatten sich am Freitagabend in der Reutlinger Katharinenkirche mit dem Klangsteinkünstler Fessmann und dem Jazzgitarristen Jan Henning zwei Ausnahmekünstler aus grundverschiedenen musikalischen Welten zusammengetan um etwas Neues, einen eigenen »Klangraum«, zu kreieren.

Urstein aus Indien

Fessmann entlockt dem indischen archaischen Urstoffstein Gabbro ursprüngliche Obertöne. Wabernd und pulsierend durchdringen sie sanft den Kirchenraum. In seinen Solostücken wird besonders deutlich, wie eigen, wie nicht von dieser Welt die Steine klingen. So könnte sich das Weltall anhören, wäre es nicht mangels Luft lautlos. Diese Klänge lassen sich nicht auf eine Notenskala reduzieren; sie gehen ineinander über, umkreisen und umspielen die Akkorde des Gitarrenvirtuosen Henning.

Dessen Spiel zeichnet sich durch eine Leichtigkeit und lebendige Dynamik aus. Mal jazzig, mal eher klassisch, aber immer sehr melodisch sind seine Gitarrenläufe, die mit den langgezogenen Tonschwaden der Klangsteine eine interessante Melange ergeben. Es klingt wie das Tropfen, Plätschern, Fließen eines Baches, der sich den Weg durch eine neblige Landschaft bahnt.

Der Dritte im Musikerbunde ist der Klangstein, denn »der Stein hat das letzte Wort«, wie Fessmann und Henning betonen. So kommt die bis zu 100 Kilo schwere Masse manchmal nicht punktgenau in Schwingung und muss nach der Schleifung einige Zeit bespielt werden, um den gewünschten Klangkörper zu erreichen.

Auch optisch attraktiv

Da ist absolutes Feingefühl gefragt. Auch optisch macht das Steinensemble um den Altar so einiges her. Ei, Nelke oder Delfin, wie Fessmann seine Instrumente nennt, sind sehr dekorativ und die künstlerischen Glanzstücke des Wohnzimmers seines Großvaters.

Neben Eigenkompositionen interpretiert das Projekt Klangraum auch Klassiker. Musikalische Genres spielen an diesem Abend keine Rolle. Bei einer so meditativen, fast melancholischen Gesamtstimmung hätte man eigentlich nicht unbedingt Pastorius’ »Continuum« erwartet, welches sich durch seine etwas schnellere, punktiertere, hypnotische Rhythmik absetzt. Die zwei Stunden, in denen man in den Klangraum eintauchen durfte, vergingen wie im Flug. Schon erstaunlich, welche Musik die Natur hervorzubringen vermag. (GEA)



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