Konzert - Die Junge Sinfonie Reutlingen schlägt in der Stadthalle den Bogen von Salieri über Tschaikowsky bis Ravel

Sensibler Klangsinn und Elan

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

REUTLINGEN. Es gibt vieles, das für die Junge Sinfonie Reutlingen spricht. Ein Großteil davon ließ sich beim Herbstkonzert des Orchesters am Sonntag in der Reutlinger Stadthalle erleben. Da musizierten junge Instrumentalisten mit Herz, Können und Verstand unter einem Dirigenten, dessen Begeisterungsfähigkeit ansteckte. Seit 32 Jahren leitet Rainer M. Schmid die Junge Sinfonie und hat sich jenen jugendlichen Elan bewahrt, der diesen »Klangkörper für Musikbegeisterte und Musikbesessene« (so das Programmheft) auszeichnet.

Da war richtig Energie drin: die Junge Sinfonie Reutlingen mit ihrem Dirigenten Rainer M. Schmid beim Herbstkonzert in der Stadthalle. FOTO: STRÖHLE
Da war richtig Energie drin: die Junge Sinfonie Reutlingen mit ihrem Dirigenten Rainer M. Schmid beim Herbstkonzert in der Stadthalle. FOTO: STRÖHLE
Schon das Eröffnungsstück, Ravels Fanfare zum Ballett »L’éventail de Jeanne«, ließ erahnen, welche Potenziale im Orchester schlummern: in pochenden Pizzicati und schwebenden Flageoletts, eingefasst von dezenten Trommelwirbeln. Ravels sensibler Klangsinn erschien hier wunderbar verdichtet in einem Stück, dessen Aufführung nicht einmal zwei Minuten dauert. Ravel hatte es 1927 auf dem Pariser Autosalon in einer Klavierversion vorgestellt.

Für Salieris Konzert für Flöte, Oboe und Orchester C-Dur betraten die aus Tübingen stammende Amelie Schirmer und der in Reutlingen aufgewachsene Marius Schifferdecker die Bühne und inszenierten mit ihren Instrumenten den zärtlich quirligen Dialog eines flirtenden Liebespaars. Unüberhörbar die Nähe zur Oper, war das Konzert doch ursprünglich als Bühnenmusik geplant. Die Flötistin und der Oboist überzeugten denn auch vor allem als lebendige Gestalter. Wunderschön die Kadenz im ersten Satz mit ihrer Unbeschwertheit und umwerbenden Klanglichkeit. Das Orchester begleitete tonschön, agil und aufmerksam.

Ernst Kreneks »Drei lustige Märsche« für Blasorchester aus den 20er-Jahren kamen ohne Dirigent aus. Elf Bläser, von der Flöte bis zur Tuba, dazu vier Schlagwerker parodierten präzise und klanglich fein bis üppig bekannte Marschmotive. Mal meinte man, den Charleston durchzuhören, mal einen Schlangenbeschwörer oder schillernde Zirkusartistik. Ein herrlich schräger Genuss mit an Hörgewohnheiten kratzenden Widerhaken.

Nach der Pause war große Sinfonik angesagt: Peter Tschaikowskys wegen ihrer ukrainischen Liedanklänge »Kleinrussische« genannte zweite Sinfonie c-Moll stand auf dem Programm. Ein Werk, dessen überschwängliche Tonsprache das Jugendorchester trefflich herausarbeitete. Sehnsuchtsvolle, insistierende Bläser, tremolierende, singende und leidenschaftlich wogende Streicher, ein eindringliches Mahnen der Pauke – all das mündete in ein furioses Finale, das Explosivität und Klangopulenz mit treibenden Rhythmen verband, wie man sie sonst nur vom Jazz kennt.

Hut ab, Junge Sinfonie! Da war vieles gülden und glänzte. Der tosende Beifall im Saal war insofern mehr als angemessen. (GEA)



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