Kultur
Literatur - Alissa Walser las bei Osiander aus ihrem Debüt-Roman »Am Anfang war die Nacht Musik«

Seelenverwandtschaft zweier Menschen

Von Veit Müller

TÜBINGEN. Zweimal Walser in zwei Wochen. Zuerst war Vater Martin Walser auf Einladung der Osianderschen Buchhandlung im Sparkassen-Carré zu Gast, jetzt folgte in der Buchhandlung seine Tochter Alissa, die ihren Debut-Roman »Am Anfang war die Nacht Musik« vorstellte. Aber Debut klingt so nach »ersten Zeilen«. Das trifft auf Alissa Walser keinesfalls zu. Sie war zuvor bereits literarisch sehr aktiv. Schon in den neunziger Jahren veröffentlichte sie Erzählbände und erhielt den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Alissa Walser bei Osiander. FOTO: VIT
Alissa Walser bei Osiander. FOTO: VIT
Außerdem machte sie sich einen Namen als Übersetzerin von Romanen aus dem Englischen ins Deutsche, beispielsweise von Sylvia Plaths »Ariel« (2008). Von 1981 bis 1986 studierte sie in New York Malerei, was dazu führte, dass sie inzwischen eine lange Liste von Ausstellungen ihrer Werke vorweisen kann.

Nun also ihr erster Roman. In »Am Anfang war die Nacht Musik« geht es um historische Figuren, um den Mediziner Franz Anton Mesmer und die blinde Tochter des Wiener Hofsekretärs Paradis, Maria Theresia. Alissa Walser zeigt in diesem Buch, das wie ein Tagebuch aufgebaut ist, mit einer einfühlsamen wie gleichsam künstlich verfremdeten Sprache die Seelenverwandtschaft zweier Menschen, die sich ihrer Umwelt nur noch schwer mitteilen können.

Auch Alissa Walser wirkt sehr zurückgenommen und scheint sich in die Welt ihres Buches zurückzuziehen. Als sie auf der kleinen Bühne der Buchhandlung Osiander Platz genommen hat, liest sie als Erstes einen »kurzen Text über den Text« vor. Er soll alle Fragen im Voraus beantworten, die die Zuhörer sich und ihr stellen könnten. Zum Beispiel die Frage, wie sie dazu gekommen sei, diesen Roman zu schreiben.

Erlebtes flüchtig notiert

Man wolle durchs Schlüsselloch in die Romanfabrik der Autorin blicken, doch könnten diese Einblicke wohl eher enttäuschend wirken. Sie verweist dabei auf ihre chaotischen Zettel und verschmierten Schnipsel, die sie in einem Zettelkasten aufbewahrt und auf denen sie über die Jahre kleine und größere Blitze, Über- und Unterbelichtetes aufgeschrieben, auf denen sie Erlebtes flüchtig notiert hat. Dieser Zettelkasten stecke voller Überraschungen und werde letztendlich wichtiger als der Computer, sagt Alissa Walser.

Durch den Dschungel der Zettel fand sie auch zu Mesmer und Paradis. Während des Schreibens, das sich über drei, vier Jahre hingezogen hat, erhielt für sie der englische Begriff »mesmerizing«, der so nah an der Hauptfigur liegt und der so viel wie »faszinierend, fesselnd« bedeutet, einen völlig neuen Stellenwert.

Walser nennt ihren Roman eine »romantische Geschichte«, in der die beiden Hauptfiguren eine »gesellschaftliche Behinderung« aufwiesen. Es gelinge ihnen nicht, diese Behinderung zu verbalisieren, nur zu materialisieren durch ihre Erfolge als Arzt und Pianistin. Es sei wie das Scheitern des Gefühls am System des Verstands.

Mucksmäuschenstill

Und dann legt Alissa Walser ihren »Text über den Text« beiseite, nimmt ihr Buch zu Hand und liest mit zarter, dünner Stimme fast eine Stunde lang. Die vielen Zuhörer folgen der Autorin konzentriert in die Welt »des Doktors und des blinden Mädchens«, und so ist es mucksmäuschenstill, als sie kurz absetzt, um einen Schluck Wasser zu trinken. Das einzige Geräusch in diesem Augenblick kommt von dem Glas Wasser, das Walser auf den Tisch zurückstellt.

So förmlich, wie sie begonnen hat, beendet sie auch ihre Lesung. Ganz plötzlich kommt das »Ich danke Ihnen, dass Sie mir zugehört haben«, und dann ist es vorbei. Es folgen nur noch das Signieren und das persönliche Zwiegespräch. (GEA)


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