Kultur
Tanztheater - Das Stuttgarter Ballett zeigt Stücke moderner Choreografen. Es erfreut mit blendender Technik, lässt bei aller Perfektion aber gelegentlich das Gefühl vermissen

Schwindelerregend

VON ANGELA REINHARDT

STUTTGART. Genau wie die Suche nach neuen Choreografen gehört auch die Pflege des Repertoires zu den Aufgaben einer großen Ballettkompanie. Ihr widmet sich das Stuttgarter Ballett mit Sorgfalt, vielleicht ein wenig engstirnig in der Auswahl. Denn so interessant die vier Stücke des Abends »Kylián/Cranko/Forsythe/Scholz« sein mögen, über die Jahre hinweg wurden sie schon sehr oft in Stuttgart gezeigt. Von einem neuen Kylián-, einem neuen Forsythe-Ballett wagt man schon gar nicht mehr zu träumen.

Völlig losgelöst: Marijn Rademaker in »The Vertiginous Thrill of Exactitude«. FOTO: PR
Völlig losgelöst: Marijn Rademaker in »The Vertiginous Thrill of Exactitude«. FOTO: PR
Allerdings spricht wenig gegen die »Siebte Sinfonie« von Uwe Scholz, wenn sie derart mitreißend und strahlend getanzt wird. Im Beethoven-Ballett des früh verstorbenen Choreografen brilliert die ganze Kompanie mit schönster Neoklassik, angeführt vom Solistenpaar Maria Eichwald und Jason Reilly.

Wie ein Perpetuum mobile

Ähnlich virtuos geht es in »The Vertiginous Thrill of Exactitude« zu, alles andere als ein typischer William Forsythe, eher das ballettöse Sahnetörtchen im Werk des Frankfurter Avantgardisten - ein Stück, das wie ein Perpetuum mobile am Rande der Parodie kreiselt. Zum Finalsatz aus Schuberts 8. Sinfonie überbieten sich drei Ballerinen und zwei Männer an rasender Dynamik, unterminieren Schuberts strahlendes C-Dur nur manchmal mit einem ironischen Hüftkick. Man bekommt genau das serviert, was im Titel steht: den »schwindelerregenden Nervenkitzel der Genauigkeit«.

Seltsam seelenlos aber wirken neben so viel virtuoser Neoklassik die beiden anderen Werke des Abends. Zu oft absolvieren die technisch so fabelhaften Tänzer hier Schritte, die sie nicht verstehen. Wo uns ihre Bewegungen von Einsamkeit, Verlust oder Wut erzählen sollten, da sieht es sportiv aus oder einfach leer. Fatal wirkt sich das bei John Crankos »Opus 1« zur Musik Weberns aus, wo es Jason Reilly und Alicia Amatriain an Intensität und Persönlichkeit gebricht.

Auch Jii Kyliáns »Vergessenes Land« steckt zu Musik von Benjamin Britten voll heftiger Emotionen, mit ihren gedämpften Farben erinnert die dramatische Choreografie an Vögel im Sturm oder einsame Menschen am Meer.

Es fehlt an Vehemenz

Vielen der zwölf Tänzer aber fehlt die Vehemenz der Bewegungen, bis auf wenige Ausnahmen bleibt ihre Interpretation zu neutral. Wer das Stuttgarter Ballett an diesem Abend sieht, der muss den Eindruck gewinnen, dass die Kompanie nur dann exzellent ist, wenn es um schöne Linien geht; erschreckende Defizite aber offenbaren sich, wo die Tiefe des Ausdrucks gefordert ist. (GEA)

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