Hip-Hop - Blumentopf im ausverkauften Sudhaus
Rappende Männer-WG
VON MARION SCHRADE
TÜBINGEN. Wahrscheinlich könnte dieser Mann auch Heizdecken in Reimform anpreisen und an den Mann bringen: Roger Manglus ist Rapper. Aber er steht nicht auf der Bühne bei seinen Band-Kollegen von Blumentopf, sondern hinterm Fanartikel-Stand. Und gibt den rappenden Teleshopping-Moderator, der auf Teufel komm raus seinen Krimskrams unters Volk bringen will.
Mit dieser schrägen Szene beginnt das extravagante Konzert im Tübinger Sudhaus, das schon seit Wochen ausverkauft ist: Blumentopf ist im Haus - eine altgediente Hip-Hop-Crew, die berühmt ist für ihre Reimkünste jenseits des Gangster-Raps. Statt Goldkettchen, dicke Autos und fliegende Fäuste bedichten die Ü-30-Rapper lieber die schwäbische Maultasche, das Angebot regionaler Biere im Sudhaus und Markus Babbel. Letzterer und sein VfB kommen naturgemäß nicht ganz so gut weg: Die Blumentöpfe sind nämlich Bayern.
Vom Headbanger zum Rapsänger
Mit den Tübinger Fans verstehen sie sich trotzdem bestens. Selten ist die Stimmung bei Konzerten so gut - was nicht zuletzt daran liegt, dass die Band eben nicht hundertmal Gehörtes reproduziert, sondern spontan Neues produziert. Die Hip-Hop-Opas sind unter dem Motto »Freestyle« auf Tour, der Name ist Programm: Die vier Rapper beherrschen diese Kunst perfekt. Der Typ mit der gelben Kappe im Publikum, ein Autoschlüssel oder die Jungs von der Security werden aus dem Stegreif mit Reimen bedacht. Und zwar so kreativ und humorvoll, dass sich so mancher Comedian eine Scheibe davon abschneiden könnte.
Wenn die Vier auf der Bühne stehen und sich in Versform darüber auslassen, warum man früher Metal gehört hat und wie man um Gottes Willen vom Headbanger zum Rapsänger werden konnte, dann hat das was von Kaffeekränzchen. Oder Männer-WG. Nur eins sind die Jungs definitiv nicht: Gangster-Rapper à la Aggro Berlin. Beleidigungen, versaute Wörter und Prolo-Posen haben sie nicht im Repertoire. Ihre Garderobe - Jeans und T-Shirt - kommt ohne Böse-Jungs-Accessoires aus. Wie sich die wortgewaltige Männer-WG auf der Sudhaus-Bühne in einem Fort die verbalen Bälle zuspielt, ist grandios - und lässt nur einen Schluss zu: Freestyle-Rap ist die heimliche Königsdisziplin der Rhetorik. (GEA)