Jazz - Nils Petter Molvaer glänzt im Sudhaus

Psychotrip in Musik

TÜBINGEN. Dschungelartiges Intro – cooljazziges Finale. Dazwischen eine achtzigminütige Exkursion in das Magma der Fantasie. Der norwegische Trompeter Nils Petter Molvaer bot im ausverkauften Sudhaus einen halluzinatorischen Psychotrip inklusive niveauvoller Jazzeinlagen. Musik, der man sich trotz der teils zerrissenen Klangstrukturen keine Sekunde entziehen konnte und die das Publikum begeisterte.

Nur drei Mann stark ist die Begleitband des 1960 in Sula, einem kleinen Eiland vor der Nordwestküste Norwegens, geborenen Jazz-Trompeters Molvaer. Doch die Klangmischung, die der Linkshänder Geir Sundstol (Pedal-Steel-Gitarre, Banjo), Jo Berger Myhre (E-Bass) und Erland Dahlen (Drums) aus ihrem Equipment wachsen lassen, um der an Miles Davis erinnernden Trompete des Bandleaders Sauerstoff zu geben, könnte bizarrer kaum sein. Eine vor Sundstol ruhende Stahlgitarre, Bass, Schlagzeug, Trompete – ein wabernder Soundmix aus dem Urwald, der zur Untermalung jeder Lebenslage taugt. Ganz gleich, ob Staatsbegräbnis oder Bungeesprung.

Dunkler Beginn

Das Konzert beginnt dunkel. Man fühlt sich versetzt in eine trübe lange Winternacht nordischer Fjorde. Dazu kalter Nebel, elektronisches Gefrickel und das absichtsvolle Brummen übertönter Verstärker. Eine Klangerfahrung, die man verscheuchen möchte wie eine lästige Fliege. Doch dann schleicht sich unmerklich die Trompete von Molvaer in das Rauschen, mischt sich unter, verhallt, findet sich wieder – und fordert einen erst untergründigen, schließlich immer lauter werden Rhythmus. Der 53-Jährige verbindet kraftvolle Drum ’n’ Bass-Rhythmen mit einem dichten Geflecht aus verwehten Trompeten-Klängen und countrynahen Einlagen von Geir Sundstols Pedal-Steel-Gitarre. Dank ausgefeilter Elektronik versetzt der norwegische Trompeter das Publikum in Atmosphären, die ein wenig an Miles Davis’ Cooljazz-Phase erinnern.

Stimulierende Eindrücke

Es ist nicht ganz einfach, sich den Monolithen Molvaer mit seiner weichen Trompete vor diesem Klangteppich aus Ambient, Jungle und Technobeats vorzustellen, wenn man ihn noch nicht gehört hat. Doch der Mix aus knalligem Schlagzeug, grellen Großstadttexturen und verschlungenen Melodien schafft eine Atmosphäre, die unmittelbar berührt – sie stimuliert die Sinne und lässt den Körper vibrieren. Sie weckt untergründige Triebe und überrumpelt den Verstand. Das Apple-iBook liefert dazu die House- und Dub-Geräusche, Nils Petter Molvaer und seine Mannen sorgen für die passende Musik. Abgezirkelte Muster werden da mit eruptiven Soli gesprengt und Computer-generierte Klangfitzelchen wie in einem guten Techno-Stück puzzleartig zusammengesetzt.

Der Abend begann mit einem atmosphärischen Rauschen. Er endet in einer disziplinierten Party, bei der sich einige Besucher im Anschluss gewundert haben, welche Musik gewordene Magie ihnen da gerade in den Leib gefahren ist. Es scheint, als hätte Nils Petter Molvaer endgültig seinen Sound gefunden. (jüsp)



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