Konzert - Württembergische Philharmonie und Flüchtlinge mit bewegender Schlussaufführung zum Projekt »Fugato«

Projekt »Fugato«: Ein Spiel, das bitterer Ernst ist

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Es gab wohl keinen in der gut gefüllten Stadthalle, der nicht aufgerüttelt gewesen wäre an diesem Donnerstagabend. Weil hier geschah, was Musiktheater maximal erreichen kann. Dass einen Abend lang alles ganz Spiel ist - und doch gleichzeitig alles pure, schonungslose Realität. Denn was die Württembergische Philharmonie mit rund vierzig Geflüchteten auf die Beine stellte, war ganz Theater, Komödie, Fabel, Erzählung.

Was mit quirligem Zirkus-Flair beginnt, wird bald dramatisch: Erzähler und »Gaukler« beim Schlusskonzert in der Stadthalle.
Was mit quirligem Zirkus-Flair beginnt, wird bald dramatisch: Erzähler und »Gaukler« beim Schlusskonzert in der Stadthalle. FOTO: Armin Knauer
Und doch verwies es in jeder Sekunde auf die Realität da draußen. Ließ noch im leichtesten Scherz mitklingen, dass all das real ist und jetzt und hier geschieht: Dass Menschen im Bombenhagel Schutz suchen, in Booten fliehen, im Meer ertrinken, in Lastwagen ersticken. Dass sie im sicheren Europa auf einen Hindernislauf der Bürokratie stoßen, an dessen Ende mancher zurückgeschickt wird.

Bewundernswert, wie schlüssig und wie sicher zwischen Komik und Bitterkeit balancierend Komponist und Projektleiter Bernhard König dafür einen Bogen gefunden hat. Los geht es wie ein Kinderspiel. Die Erzähler Lucie Mackert und Ahmet Gül befrotzeln sich mit der Geschichte eines Tons namens »Ping«, umwirbelt von einer Gauklertruppe aus Geflüchteten.

Doch der Gag mit Tönen, die zu Figuren einer Geschichte werden, wird schnell ernst. Plötzlich werden sie in ihrer Heimat verfolgt und müssen fliehen. Unter Gefahren gelangen sie in ein sicheres Land, in dem die Töne frei sind - in dem sie als neue Töne bei den einheimischen Tönen jedoch auch auf Vorbehalte stoßen. Hier wandelt sich die naive Fabel zur Satire auf Ausgrenzung und Regelungswut. Dabei sind die Gaukler die Verkörperung der Fabeltöne. Pantomimisch vollziehen sie Flucht, Vertreibung, Ankunft nach.

König verwebt diese »Realfabel« mit Orchesterklängen. Seine Musik lässt mal die Klangsprache Prokofjews oder Schostakowitschs anklingen, mal badet sie in Fin-de-Siècle-Aromen à la Franz Schreker. Dann wieder, natürlich, wenn es um die Flucht im Boot geht, hallen verloren Bläsersignale über fahl-weite (Meeres-)Streicherflächen, ein bisschen wie in Benjamin Brittens Oper »Peter Grimes«. Alles unter dem Dirigat von Thomas Herzog dicht, sinnlich und farbig umgesetzt.

Blick auf Einzelschicksale

Dazwischen öffnen sich wie Fenster Ausblicke auf die Musik und die Schicksale der Geflüchteten. Es ist erschütternd, wenn die jugendlichen afghanischen Schwestern Parisa und Tina Isshaqzei ihre Gedanken zu ihrer Flucht vortragen - dieses Gefühl, an den eigenen Schultern den Weltuntergang mitzuschleppen.

Es packt und empört, wenn der afghanische Instrumentenbauer Salam Ghafuri berichtet, wie die Taliban ihm sein Handwerk verboten und seine Instrumente verbrannten. Es macht nachdenklich, dass er glaubt, seine Kunst werde wohl letztlich nur in Europa überleben. Und es rührt an, wenn er seine gerettete Langhalslaute wie ein Siegeszeichen in die Luft streckt. Besonders an die Nieren geht die psalmodierende Aufzählung der Namen von Menschen, die bei der Flucht umkamen.

Auch der Bericht des iranischen Sängers Ebrahim Cheraghi Hamoole erschüttert. Von den iranischen Behörden schikaniert, von der Polizei verprügelt, von Haft bedroht wurde ihm in Deutschland trotzdem der Asylantrag abgelehnt. Hier die Satire, dort die Realität - dieser Abend kannte immer beide Seiten.

Und er kannte Trost. In den Liedern aus der Heimat, gesungen von Ebrahim, von Sängerin Ermia oder vom Afghanischen Flüchtlingschor mit seinen jungen Männern. Wie befreit legen sie sich in die Melodien, begleitet vom Fugato-Ensemble aus Streicher und Flötistinnen der Philharmonie sowie arabischen Profimusikern auf Tablas (Handtrommeln), Tanbur und Setar (Langhalslauten), Santur (Hackbrett), Harmonium und Gitarre.

So fließt im Laufe des Abends Europäisches und Orientalisches immer mehr ineinander. Diesselben Ensembles, die vorher afghanische Weisen gesungen haben, singen nun »Die Gedanken sind frei«. So deutet sich die große Utopie der Gemeinschaftlichkeit an - und kann trotzdem nicht die Realität eines rigiden Abschiebe-Bürokratismus ausblenden.

Am Ende ein Traum

Der Abend mit seinem fast zwei Stunden langen Bogen könnte zwiespältig enden. Das bringt Bernhard König mit seinem künstlerischen Ko-Leiter Alon Wallach und der rastlosen WPR-Projektleiterin Gerlinde Dippon dann doch nicht fertig. Stattdessen endet alles im Traum von einem Europäischen Frühling in kultureller Vielfalt. Ein optimistischer Traum. Wenn er je wahr werden soll, wird man noch viel für ihn kämpfen müssen. (GEA)



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